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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 86

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
Date
1898-01-01
Page
86 (sequence 3)
Language
German
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86 — Juden so zu sagen bezahlen ließen. Warum auch nicht? Die Juden brauchten sich nur tausen zu lassen und waren von allen Beschwerden befreit. Niemand wird hiernach bestreiten, daß die Geschichte der Juden im Mittelalter nur eine Geschichte ihrer Religion, ja daß diese Geschichte selbst Religion gewesen ist. In ihrem inneren Leben war die Religion für die Juden der unentbehrliche Quell des Heils, und wenn sie auf die Straße, gingen, erinnerte sie der Judenhut oder der gelbe Fleck an ihre Religion. Sie kamen gar nicht aus ihrem Bannkreise heraus, dafür sorgte zu Hause das Judenthum und draußen das Christenthum. In der Gegenwart liegen die Dinge nur insofern anders, als für manche Kreise unter den Juden die jüdische Religion ungefähr so viel oder so wenig bedeutet, wie das dogmatische Christenthum für die Gebildeten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, und insofern besitzt vielleicht unsre innere Geschichte nicht durchweg religiösen Charakter. Aber unserer äußeren Geschichte ist derselbe auch in der Gegenwart nicht abzusprechen, wenngleich bei den Angriffen gegen uns die Religion ganz aus dem Spiele gelassen und der Jude nicht einmal um den Preis der Taufe pardonnirt wird. Indessen ist es eine bloße Kriegslist unserer Gegner, wenn sie uns von anderen Gesichtspunkten aus, als religiösen, bekämpfen. Sie wollen damit nicht blos unsere nichtjüdischen Mitbürger, sondern auch uns selbst irre machen, was ihnen ja leider vielfach gelungen ist. Diejenigen jedoch, welche hinter den Coulissen der Oesfentlichkeit die gegen uns gerichtete Strömung in Fluß gebracht haben und in Fluß erhalten, gehen lediglich von der Absicht aus, uns unserer Religion zu entfremden, wenn sie auch im Unterschiede zu früheren Zeiten die Erstürmung der alten Burg des Judenthums auf dem Umwege politischer, nationaler, volkswirthschaftlicher und socialer Laufgräben versuchen. Man hat noch nichts davon gehört, daß die Missionsgesellschaften liquidirt hätten, daß das Gebet um die Bekehrung der Juden aus der katholischen Liturgie beseitigt worden wäre, oder daß in der protestantischen Kirche nicht mehr zur Zeit des Tischa-beaw über die Zerstörung Jerusalems als eine Bewahrheitung des Christenchums gepredigt würde. Wir sind, wenn vielleicht nicht durchweg in

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