Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 85 (sequence 2)
- Language
- German
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85 itt Wirklichkeit bestellt war. Diese allerdings nicht wenig befremdende Wahrnehmung hat Bernays zu der angeführten Bemerkung veranlaßt. Sie ist auch für die geschichtliche Betrachtung des Judenthums von Wichtigkeit. Wir haben eine durchaus religiöse Geschichte. Unsere Geschichte selbst ist Religion. Die Geschichtsquellen anderer Völker, wie der Römer und Griechen, haben mit der Religion, zumal mit den bestehenden Religionen, nichts zu thun. Man nennt sie deshalb profane Schriften und ihre Verfasser profane Schriftsteller. Dagegen^ sind unsere ältesten Geschichtsquellen nicht profaner, sondern religiöser Natur, wir nennen sie in ihrer Gesammtheit die Heilige Schrift und fast die gesammte gebildete Welt begreift sie unter diese Bezeichnung. Was unsere nachbiblischen Geschichtsquellen betrifft, so haben sie ebenfalls theils einen ausgesprochenen religiösen Inhalt, theils tragen sie einen religiösen Charakter. Letzteres gilt fast von unserer gesummten Literatur. Selbst medizinische, astronomische, mathematische Schriften sind mehr oder weniger mit der Religion verflochten. Wenn wir also keine profanen Geschichtsquellen besitzen, so können wir auch keine profane Geschichte, sondern nur eine religiöse haben. Ich sage aber mehr: unsre Geschichte ist selbst Religion. Nicht blos unser inneres Leben bewegte sich früher und bewegt sich zum Theil heute noch um die Religion als um seinen Mittelpunkt, auch unser äußeres Leben zeigt das gleiche Verhältnis Die Geschichte des Mittelalters belehrt uns, daß unsre äußeren Rechtsverhältnisse oder vielmehr Unrechtsverhältnisse sammt und sonders aus den Zweck zugeschnitten waren, unsre Religion aus der Welt zu schaffen und uns zum Christenthum zu bekehren. Ueber diesen Punkt habe ich wohl nicht nöthig, mich weiter zu verbreiten, ich will nur die Thatsache hervorheben, daß selbst diejenigen mittelalterlichen staatlichen und städtischen Einrichtungen, Gesetze und Vorschriften, die augenscheinlich auf die materielle Ausbeutung der Juden abzielten, wie die verschiedenen Schatzungen und Steuern, von religiösen Gesichtspunkten ausgingen, wenigstens mit solchen motivirt wurden. Die Religion beherrschte damals Alles. Es lag deshalb eine gewisse Naivetät darin, daß die christlichen Machthaber und Gesetzgeber für ihre Frömmigkeit sich von den „ungläubigen"