Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 74 (sequence 15)
- Language
- German
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74 sehen wir jüdische Rationalisten und Denker sich damit beschäftigen, die Umwälzung in der Geschichte des Menschengeistes vorzubereiten, welche die Renaissance bezeichnet. Sie begründen die Bibelauslegung, die nach und nach eine befreiende Macht wird; sie kritisiren die christlichen Dogmen und Sinnbilder, sie verpflanzen die arabische Philosophie nach Europa und verbreiten sie gerade zu der Zeit, im 12. Jahrhundert, da die rechtgläubigen Muhamedaner sie in ihren Moscheen verdammten und die Schriften der alten arabischen Aristoteliker verbrannten. Sie waren auch die Schöpfer des Averrhoismus in Europa. Sie waren höchst wirksam, beliebt, ja verzogen am Hofe des großen Kaisers Friedrich II., dem Mittelpunkte der religiösen Gleichgültigkeit, der Duldsamkeit und Freidenkerei zu Anfang des 13. Jahrhunderts. Jbn Gabriol's „Die Quelle des Lebens" gewinnt Einfluß auf Giordano Bruno und sein Vergöttern des Weltalls. Das tausendjährige Bibelbeschäftigen der jüdischen Schrifterklärer ermöglicht Luthers Uebersetzung derselben und führt ihn zum freien Forschungsprinzip. Ihre Grundanschauung mündet erst im 17. Jahrhundert im theologisch-politischen Traktat Spinozas. Die Lebensansicht der jüdischen Rationalisten erreicht ihre höchste Verwirklichung unter der heidnischen Renaissance Italiens. IV. KohÄet ist fein und grübelnd und genußliebend und bitter. Er ist ein überlegener Verstand und ein Stimmungsmensch, genügend eigenartig, um in jedem Satz den er schreibt, gegenwärtig zu sein, und genügend lebhaft, sich ab und zu zu widersprechen. Hören wir, was er als Frauenhasser über die Frau schreibt, die ihn offenbar viel beschäftigt hat. „Ich kehrte mein Herz um zu verstehen und zu prüfen und das verständige und rechte zu suchen, um mich zu überzeugen, daß die Bosheit eine Thorbeit ist, und die Einfalt eine Tollheit. Und da fand ich ein Ding, das bitterer als der Tod ist, das Weib, dessen Herz Schlinge und Netz ist und dessen Hände Ketten sind. Wer Gott wohlgefällig, entschlüpft ihr, wer Gott mißfällt, den nimmt sie gefangen. Siehe, dies Hab' ich gefunden, sagte