Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 73 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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73 drücke, Erfahrungen, Gefühle und Leidenschaften verallgemeinert. Kohslet ist demnächst räsonnirender Philosoph, ein rationalistischer Philosoph. Er ist der Typus jüdischen Verstandes ohne Schwärmerei, jüdischer Feinheit in Witz und Kritik, der Stammvater aller scharfsinnigen Ironiker, Zweifler, Polemiker des Volkes Israel Jahrtausende hindurch. Er stand keineswegs allein in seiner Zeit. Wie er, dachten später die Männer, die Sadduzäer genannt wurden. Er repräsentirt die große Gruppe der hochgebildeten Israeliten des Alterthums, welche die stete Spannung in der Tendenz gegen die Einführung der Gerechtigkeit als Weltmacht ermüdet hatte und die zu gute Köpfe waren, um nicht das Naive im Glauben an die Möglichkeit der irdischen Thronbesteigung dieser Gerechtigkeit einzusehen. Kohelet ist gewiß nicht gottlos, aber er ist ein Ungläubiger und nur Kraft des Namens Salomo hat sein kleines Buch die Nachwelt erreicht. Es liebt ein Element von Voltaire in seiner Natur, in seiner Schrift ein Funke vom Spott Candide's über die Lehre von der besten aller möglichen Welten. Etwas von Schopenhauer liegt in seiner Frauenverachtung. Aber weit näher ist er doch mit seinem großen späten Abkömmling Heinrich Heine verwandt. Er ist der erste deutliche Typus freier, verfeinerter israelitischer Intelligenz. Nach ihm kommen Philon nnd die Alexandriner; nach ihnen die jüdischen Polemiker, die jenen Celsus inspirirten, gegen den Origenes schrieb; ihnen folgt die Gruppe der Rabbinen, die in dem 10. Jahrhundert die Religion durch Philosophie aufrechthalten wollten, die betonten, daß es neben der Schrift eine Autorität der Vernunft gäbe, und verkündeten, daß es nicht nur Recht, sondern Pflicht wäre, den religiösen Glauben zu untersuchen. Ihnen folgt im 11. Jahrhundert Jbn Gabriol, der mit seinem Werk „Die Quelle des Lebens" stark die arabische Philosophie beeinflußte, und Maimonides, der in seinem Hauptwerke „Der Führer der Verirrten" sich bestrebte, die Philosophie des Aristoteles mit dem Judaismus zu vereinen und zu versöhnen; seine Anhänger in Spanien und Frankreich erklärten die Wunder allegorisch, bis glaubenseifrige Juden, die an nicht weniger glaubenseifrige Dominikaner appellirten, des Meisters Hauptwerk von der Inquisition verbrannt bekamen. Gerade vom 10. Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert