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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 72

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Kohélet
Date
1898-01-01
Page
72 (sequence 13)
Language
German
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72 misch einsichtsvolle Männer, wie Olinde, Rodrigues, Eichthal und Jsaac Pereire. Künstler wie der Komponist Fölicien David und der Dichter Heine schlossen sich ihnen an. Als der Liberalismus entsteht, wird Manin dessen Held in Italien, Börne sein Wortführer in Deutschland, Jellinek sein Agitator und Märtyrer in Oesterreich, Moritz Hartmann sein Fürsprecher in Frankfurt und sein Streiter in Wien. Der deutsche Sozialismus wird von Karl Marx und Lassalle gegründet. Der russische Nihilismus ist stark von jungen studirenden Juden und Jüdinnen rekrutirt worden, von denen Viele ihr Leben geopfert haben. Kohelet, der nicht an die Erreichbarkeit der Herrenmacht der Gerechtigkeit glaubt, steht ganz außerhalb dieser Grundrichtung im Judenthume. Er vertritt eine andere, nicht weniger bedeutungsvolle israelitische Grundrichtung, die doch den nämlichen Ursprung hat, den Glauben, daß es für den Menschen keine andere Existenz giebt, als das Leben auf der Erde. Für den Israeliten ist das Leben ein Gut. Leben, das ist Glück. Wenn Kohölet starken pessimistischen Stimmungen Ausdruck giebt, geschieht es, weil er ein zu klarer Kopf ist, um das Leben nicht ebenso auf der Kehrseite, wie im Rechten zu sehen und weil er von hellenischer Tragik berührt ist; doch seine letzten Worte sind nicht Gram über die Sinnlosigkeit des Daseins und die Sorgen des Erdenlebens, sondern eine Aufforderung, die Freuden, die dieses Leben bietet, zu ergreifen und zu genießen. Er ist ein Ausdruck für den Wirklichkeitssinn des Judenthums und für dessen Neigung, das eigene Glück des Menschen zu seinem Hauptziel zu machen. Ihn erfüllt die Vorstellung von der Kürze des Lebens, von dem schnellen Hinwelken der Jugend und von der Nothwendigkeit, den Genuß zu ergreifen, während es noch möglich ist. Als Geist zeigt er die Gemeinschaft mit allen andern Geistern in der jüdischen Literatur, mit den Propheten, dem Psalmendichter, dem Verfasser des Hiob und dem Dichter des Hohenliedes, daß er unsachlich, undramatisch, unplastisch ununterbrochen mit sich selbst beschäftigt ist. Dem einen Gott im Himmel entspricht für den israelitischen Schriftsteller die Persönlichkeit des Einzelnen auf Erden. Außerhalb dieser interessirt ihn nichts. Wenn er nicht immer im eigenen Namen spricht, besagt dies nur, daß er seine persönlichen Ein-

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