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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 71

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Kohélet
Date
1898-01-01
Page
71 (sequence 12)
Language
German
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71 sonders nach dem Tode so zahlreicher Blutzeugen, weil sie Gott nicht verlassen wollten, mußte dieser Gedanke nothwendig aufgegeben werden, und da man die Ueberzeugung von der übergreifenden Macht der ewigen Gerechtigkeit nicht fahren lassen wollte, gelangte man folgerichtig zu dem Glauben an die Auferstehung der Blutzeugen. Sie waren nicht geradezu unsterblich, aber sie lebten von Neuem in Glanz und Freude auf in einem tausendjährigen Reiche, dessen Hauptstadt, das neue Jerusalem, über der Erde erglänzte, und alle Erdmvölker anzog, die Gold und Weihrauch hintrugen. So wurde die Herrenmacht der Gerechtigkeit im Erdenleben gesichert. Denn darum handelte es sich bei dem geistig kämpfenden, göttlich eifernden Judenthum. Der innerste Ton des Judenthums ist der Ruf nach Gerechtigkeit, seine Grundstimmung die Hoffnung aus Gerechtigkeit, der Wille zur Gerechtigkeit, sein Ideal ist, die Gerechtigkeit zum Weltgesetz zu machen. Dem Bösen nicht Widerstand zu leisten, ist eine christliche Idee, eine christliche Forderung, worin Biele von den Tagen des Alterthums bis zum Tolstoi unserer Tage das innerste Wesen des Christenthums gesehen haben. Nie ist die Unterwerfung unter das Unrecht für den Juden eine Tugend gewesen. Er hat es auf der Erde bekämpfen wollen, und all seine Vollkommenheits- und Glückseligkeitsträume find irdischer Art. So nach dem Falle des Reiches. So durch alle Zeiten. Der Mann, den der Jude lobpreist, ist nicht der Heilige; er ist der Gerechte. Gott hat gesagt: „Ihr sollt richtige Wagschalen und richtige Lote haben, richtige Scheffel und richtige Kannen". Und Gott hat gesagt: „Ihr müßt im Gericht nicht Unrecht thun; Du mußt nicht parteiisch gegxn den Armen sein, oder den Vornehmen begünstigen; mit Gerechtigkeit sollst Du über Deinen Nächsten urtheilen" (3 Mos. 15, 36). Gerechtigkeit erkennen, ist Gott erkennen. Gott ist selbst Gerechtigkeit (Jeremias 33, 15, 16). Weil der Jude das Gerechtigkeitsideal auf Erden verwirklichen sollte, ist er in der modernen Zeit bei den Revolutionen mitwirkend geworden. Rabbinistische Juden waren bei der Einsetzung der Freimaurerorden wirksam, die wenigen Juden Frankreichs (in Paris im ganzen achtzehn) waren Theilnehmer der Revolution, drei von ihnen nahmen wichtige Stellungen ein und starben auf dem Schafsot. Die Hälfte der Begründer des Saint-Simonismus waren Juden, ökono-

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