Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 70 (sequence 11)
- Language
- German
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70 Frommheit und allzu großer Weltlichkeit einzuhalten, das eine Princip festhalten, ohne deshalb das andre aus seiner Hand schlüpfen zu lassen. Renan hat mit Recht bemerkt, daß der Dichter des Hiob, obgleich er im Innersten weit religiöser tft, seine Hauptperson doch eine weit kühnere Sprache führen läßt. Kohelet besitzt nicht den Nerv, der selbst zu nur vorübergehendem Aufruhr gegen einen Gott führt. Er führt als Philosoph ohne Klageruf, ja ohne Unwillen an, was Allen bewußt, aber zuvor nicht so ausgesprochen ist, und zieht sich selbst mit unversehrter Persönlichkeit aus dem Kreuzfeuer der entmuthigenden Eindrücke. Freilich ist des Menschen Leben kurz, wie das des Thieres, und freilich herrscht Unrecht, wo Recht herrschen sollte; freilich erfüllen die Habsüchtigen die Erde mit ihrem Zank und fromme und unfromme Thoren die Erde mit ihrem Toben; freilich behagt ihm zumeist Mann so wenig, wie Weib. Der Mann ist als Mann eigennützig und brutal, das Weib, um so weniger Mensch, je mehr es Weib ist. Aber doch giebt es Oasen in der Wüste des Lebens. Das geziemende Wohlleben ist eine Oase. Kein Versagen! Esse und trinke, genieße die Freuden des Tisches! Freundschaft ist eine Oase. Besser ein paar Freunde sein, als allein zu stehen und die Schnur, die aus drei Fäden gesponnen ist, bricht nicht leicht. Liebe ist eine Oase. Am besten genießt man den Ertrag seiner Arbeit selbander mit einem Weibe. Die gleichmäßige Ruhe des Gemüthes ist eine Zuflucht. Ueberhöre das Schmähen Deines Sklaven, wenn er schimpft. Besser eine Hand voller Frieden, als zwei Hände voller Mühe und Jagd nach Wind. So versöhnt sich Kohelet mit dem Leben. III. Kohelet steht in gewisser Hinsicht außerhalb der Kampfstellung des Judenthums gegen das Unrecht. Die älteren israelitischen Schriftsteller sind fest überzeugt, daß alle Tugend belohnt und alles Unrecht in diesem Erdenleben bestraft wird. Das Mißgeschick, das den Unschuldigen trifft, ist nur eine vorübergehende Prüfung. Der Tag der Genugtuung und der Strafe wird kommen, der Tag des Messias; an diese Vorstellung klammert sich das verletzte Rechtsbewußtsein. Nach der Unterdrückung Israels unter die griechische Gewalt, be-