Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 69 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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69 führen, noch zu denen, die sie zur Verzweiflung bringen. Er befreit sich von seiner Schwermuth, indem er ihr ab und zu «inen fast cynijchen Ansdruck verleiht. Ihm fehlte wohl keineswegs Herz oder Hochsinn, besonders aber besaß er einen überlegenen, vorurtheilsfreien, fein wägenden Verstand. Angeborenes Gleichgewicht zeichnete sein Naturell aus. Bezeichnend für den Geist des israelitischen Alterthums ist, daß diese Gemüthsftimmung und die Lehre, worin er sich ausdrückt, Kohslet keinen Augenblick veranlaßt, sich feindlich gegen die Religion auszusprechen oder das Dasein Gottes zu leugnen. Er ist Fatalist und er ist Pessimist, aber er hat so wenig Neigung zum Atheismus, wie der Verfasser des Hiob oder der Dichter der Psalmen. Im Gegentheil, auf israelitische Weise erhebt er stets Gott auf Kosten des Menschen, kann nicht stark genug hervorheben, wie mächtig Gott, wie gering und ohnmächtig der Mensch ist. Doch Gott scheint, meint Koholet. sich nur in geringem Grade mit dem Menschen zu beschäftigen, denn er hat in dessen Herz den Trieb gelegt, Weisheit zu suchen, und hat ihn in Bezug auf Leben und Tod doch ganz dem Thiere gleichgestellt und hat erlaubt, daß sich eine Gesellschaft entwickelte, wo Unrecht nicht bestraft wird und Bosheit allzuoft triumphirt. Kohelet liegt der Gedanke ganz fern, sich über Gottes Weltordnung zu ärgern oder über die Art unwillig zu sein, wie sie von seinem Volk ausgelegt wird. Aber er kennt keinen Aberglauben und in seinen Aeußerungen verspottet er deutlich diejenigen, die an häßliche Träume als böse Vorbedeutungen glauben und aus diesem Grunde Gelübde leisten. Nicht geringer trifft Jene sein Spott, die hinterher solche Gelübde bereuen, die sie in ihrer Angst unbesonnen abgelegt haben. „Es verlohnt nicht der Mühe, so willfährig zu geloben, denn Gott ist im Himmel und Du auf Erden." Und die Thoren, die Gelübde äblegen, und die Thoren, die immer mit ihren Opfern kommen, mißfallen und langweilen Gott. Gott liebt keine Thoren. Aber ein Thor ist nicht nur derjenige, der sein Wort bricht, sondern derjenige, der überhaupt zu viel aus seiner Frömmigkeit macht. Allzuviel Tugend ist wie allzuviel Weisheit und allzuviel Eifer für Gerechtigkeit ist ein wenig dumm und führt zu nichts, es ist Eitelkeit, so gut wie die Untugend, die Bosheit und die Thorheit. Das Verständige und Geziemende ist, den Mittelweg zwischen allzu großer