Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 68 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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68 sich das Leben sauer und sammelt für Erben, die ihm nie einen Gedanken schenken werden. Macht bringt kein Glück» aber der Machtlose ist noch weit unglücklicher, unterdrückt und gemartert von denen, die nicht durch seine Thräneu gerührt werden. Der Vorgesetzte martert seine Untergebenen und Gleichgestellte verzehren einander in neidischem Wettstreite. Weil die Strafe nicht der Spur des Vergehens folgt» erdreisten sich die Menschen frech zu Missethaten. Ein Sünder, der hundert Mal Unrecht begangen hat, wird alt und geehrt. Wir haben wohl gelernt, daß es Denen wohlergeht, die Gott fürchten, und daß die Tage des Ungöttlichen gering sind, aber wir erleben, daß dem Gerechten ein Loos widerfährt, als wäre er ungerecht und umgekehrt. Im Allgemeinen wird man finden, daß die Fürsten Prasser und Tyrannen sind, die Satrapen bestechliche Aussauger, das Volk gedankenlos und unterdrückt, Throne und Gerichte der Sitz der Ungerechtigkeit, das Leben im Ganzen so traurig, daß man sich versucht fühlt, die Todten und noch mehr die Ungeborenen zu beneiden. Aber wie das Dasein nun einmal ist, muß man seinen Theil tragen und das Beste herausnehmen: nach Kräften arbeiten, denn süß ist der Schlaf des Arbeiters, und sich an der Frucht seiner Arbeit mit einem Weibe erfreuen, das man liebt, auf die Verhältnisse achten, die das Leben bietet; nicht zur Unzeit handeln, sondern jede Sache zur festgesetzten Zeit machen; nicht übereilt und nicht schlaff sein; sich vor übertriebenem Verlangen nach Reichthum und Weisheit hüten» aber auch Armuth und Thorheit vermeiden, denn Reichthum macht schlaflos und Armuth elend, Kenntniß ermüdet und Thorheit wird geahndet. Man soll sich weder durch Aberglauben an die strengeren Sitten der Vergangenheit entmuthigen lassen, noch sich zum Glauben Hinreißen lassen durch die Möglichkeit, eine lichtere Zukunft herbeizuführen. Es giebt nichts zum Zurücksehnen und nichts zu hoffen. Die Lebensansicht des Verfassers wurde deutlich durch seinen geographischen und geschichtlichen Horizont bestimmt. Er hat sein Land im Auflösungszustande gesehen und hat sein Zeitalter trostlos gefunden, er bildete sich seine Auffassung aller Länder, aller Zeiten und allen Menschenlebens nach den Verhältnissen, die ihm vertraut waren. Er gehörte weder zu Denjenigen, die traurige Erfahrungen zur Schwärmerei