Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 66 (sequence 7)
- Language
- German
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— §6 Weise aufgefaßt werden, entweder als ein Zirkel oder als die Bahn, die ein geworfener Körper beschreibt, also als eine Fahrt nach einem unbekannten Ziele. Für diese letzte Möglichkeit sprach keine bekannte Analogie, aber für den Kreisgang der Geschichte sprach vieles. Das Keimen, Welken und Selbsterneuern der Pflanzen, außerdem der Kreislauf des Stoffes, der schon von Heraklit erkannt wurde. Deshalb sahen die Pythagoräer diese Vorstellung einer Kreisbahn der Ereignisse als die wahre an. Aber was bei den Griechen eine Lehre, eine wissenschaftliche Ueberzeugung wurde, ist bei dem israelitischen Verfasser nur die Lebensphilosophie des erfahrenen Weltmannes; sie has keine theoretische Grundlage, aber sie wird praktisch angewendet, um illusorischen Hoffnungen entgegen zu arbeiten, unvernünftiger Schwärmerei, unzeitiger Verzweiflung und dem Gemüth Gleichgewicht zu schaffen durch Einsicht in die Begrenzung aller Bestrebungen. Darum zieht Kohelet keine der Schlußfolgerungen, die die Pythagoräer mit einer gewissen Konsequenz aus der Beobachtung der Kreisbahn zogen. Verschiedene unter ihnen glaubten an alle Vorgänge, ja an die Rückkehr jedes einzelnen Menschen in cyclischen Weltperioden. Dieser Gedanke rst KohÄet vollständig fremd. Mit der Seelenwanderungslehre wurde dann von den griechischen Denkern das Seelenschicksal unter den Kreisbahntypus eingereiht. Hierüber hat Kohelet vermuthlich nie sprechen hören. Aber man kann bestimmt sagen, daß er für einen solchen Glauben ganz unempfänglich war. Sein Geist ist ganz gewiß Zweifelgeist und Niemand kann weniger doktrinär als dieser feine Skeptiker sein, der so fertig mit dem Leben ist und doch so bereit, die Lockungen des Lebens anzuerkennen. Aber an einem Punkte verspürt man eine Art von Doktrin bei ihm. II. Als der Verfasser in seinem eignen Namen und über sich selbst zu sprechen beginnt, sagt er also: Ich, Kohelet, war König über Israel zu Jerusalem. Ich trug das Verlangen, mit Weisheit alles zu prüfen und zu untersuchen, was unter dem Himmel geschieht, eine traurige Beschäftigung, die Gott den Adamskindern vergönnt hat, um sich damit zu plagen.