Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 63 (sequence 4)
- Language
- German
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63 Der Verfasser hat deutlich einen lebhaften Unwillen gegen diejenigen gehegt, die mit Trauermienen die Wege der Entsagung gingen. Bei solchen Ausfällen scheint man die Essäer besonders vor Augen zu haben. Die Sekte verlangte das Abwenden vom Sinnlichen und Irdischen, vollständige Enthaltsamkeit. Jedenfalls denkt man offenbar in 9, 2 an die Essäer, wo Kohtzlet von denen spricht, die nicht schwören. Denn die Essäer sahen es als Unrecht an, den Eid abzulegen. Aber es gab auch andre fromme Schulen, deren lebensseindliche Weltanschauungen Kohslet zuwider waren. ■ Darum am Schlüsse des Werkes das Mißbilligen des um sich greifenden Cölibats, aus Leidenschaft für sittliche Reinheit. Kohelet richtet seine Angriffe auf die Unlust zur Fortpflanzung, auf die müßige Grübelei, die zu weit getriebene Frömmigkeit, auf die Sehnsucht nach dem Tode und den Unsterblichkeitsglauben. Graetz hat nachgewiesen, wie diese seine Geistesrichtung im Talmud fortgesetzt wird. Aus dem zweiten Jahrhundert findet man hier den Satz: „Derjenige, der sich kasteiet und nicht Wein trinken will, ist ein Sünder, und um so mehr derjenige, der sich auf Fasten einläßt," und vom dritten Jahrhundert diesen: „Der Mensch wird Rechenschaft ablegen müssen über Alles, das er nicht genossen, was sein Auge gesehen hat." Wie man schon hieraus ersieht, hat Kohelet geistige Nachkommen. Und die Aufforderung, sich nicht von den Gütern des Lebens abzuwenden, nicht die Lebensfreude zu verschmähen, sondern die Ueberzeugung walten lassen, daß Alles Eitelkeit ist, die vergänglichen Genüsse zu würzen, das ist in Wirklichkeit der Grundgedanke des Buches. Es mündet in dem nämlichen Satze, womit es beginnt: „Alles ist Eitelkeit". Der beigefügte Schluß, dessen Gepräge unverkennbare Frömmigkeit ist, lautet also: „Als Kohelet noch mehr Weisheit erworben, fuhr er fort das Volk zu belehren, er erwog, forschte und bildete noch viele Wortsprüche. Kohelet suchte Worte voll großer Lieblichkeit Und schrieb die Sprache der echten Wahrheit. Die Worte der Weisen gleichen Stacheln, die treiben und Stricken, die halten.