Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Lehre uns unsere Tage zählen
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 57 (sequence 4)
- Language
- German
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57 der Menschheit den Grund an, der ihm aber so selbstverständlich erscheint, daß er gar nicht als etwas besonderes ausgesagt wird. Der Zorn Gottes gehört zum Elend des Menschen, .wie der Schatten zum Körper. Darauf aber sagt nun der Dichter ausdrücklich weiter, woher eben dieser göttliche Zorn: nämlich die Sündhaftigkeit des Menschen hindert, daß sich Gott als das Heim der Menschen zeigen könne. V. 8 — 10. „Du stellst unsere Missetkaten vor dich, unser Geheimes vor dein leuchtendes Antlitz"; und so kann es denn nicht anders kommen; „ja, all' unsere Tage laufen ab in deinem Grimm, wir verbringen unsere Jahre wie einen Hauch. Unser Leben dauert siebzig Jahre, und höchstens einmal*) achtzig Jahre, und womit man sich brüstet, ist Mühsal und nichtig; da eilt und drängt**) es, und wir stiegen dahin." Dies, daß die Sünde die Strafe Gottes nach sich zieht, sieht der Mensch nicht ein: V. 11. „Wer erkennt die Stärke Deines Zornes, und wie sehr Dein Grimm zu fürchten." Und weil der Mensch dies nicht erkennt, so betet der Dichter: V. >2. „Die Tage unseres Lebens zählen (d. h. aus deren geringer Anzahl, ihrem Leiden und Mühsal, zunächst auf den Zorn Gottes, dann aber auf unsere Sündhaftigkeit schließen) lgß uns recht erkennen, aus daß wir ein weises Herz gewinnen." Hiermit hat sich der Dichter wieder zur monotheistischen Höhe erhoben und er hat den Gegensatz zum Epikureismus, zu dem' bekannten ourpo diem, pflücke den Tag, in einer Form ausgesprochen, wie diese sonst in der Bibel nicht wiederkehrt. Nur darf man diesen Vers nicht mit Stellen in Hiob und Psalmen zusammenbringen, die wohl ähnlich klingen, aber religiös viel tiefer stehen. So mag Psalm 39, 5 ff mehrfache Anklänge an unseren Psalm zeigen; nur beachte man, daß dort der Dichter bittet, Gott möge ihm sein Ende kund thun***), meint aber, wie Hiob, *) oder „und, wenn durch Wunder". **) Die Onomatopöie, welche hier in den hebräischen einsilbig zweikonsonantzgen Wörtern liegt, ist nicht wiederzugeben. ***) ’Sp W“in kann, nicht bedeuten: lehre mich meine Bestimmung. Dieser Dichter ist weit entfernt von dem Begriff, welchen Äoh. 12, 13, mit FpQ verbindet. Alle jene Ausdrücke aber, wie Lrüs, Tt’/.o; führen zu dem Begriffe Zweck und werden Gewissens-Richter <letzteres Wort im Doppelsinn: judicans und dirigens).