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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 58

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Lehre uns unsere Tage zählen
Date
1898-01-01
Page
58 (sequence 5)
Language
German
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58 Gott solle die Kürze des menschlichen Lebens bedenken, damit der Mensch noch Zeit habe, auch das Glück zu erlangen. Unser Dichter aber ist fern davon, uns ein Memento mori zuzurufen (wie Luther in völlig unbegründeter Weise übersetzt), sondern die Tage sollen wir'zählen, damit wir inne werden, wie wenig ihrer sind; denn nur was gering an Zahl, zählt man, nur das liebt man und nur das sucht man vor jedem Schmutz zu wahren. So lehrt die Weisheit. Der Sänger scheint auf die falsche Anwendung, ich möchte sagen: die heidnische, hingewiesen zu haben, und hat dies durch p V. 12, ausgedrückt. Dieses „richtig, wahrhaft" gehört genau weder zu zählen, noch zu lehren, sondern zu erkennen, also zu dem in inln steckenden Stamm. Auch in Jerusalem hörte man den heidnischen Ruf: „essen und trinken, denn .morgen sind wir tot" (Jes. 22, 14). Dies ist eben die falsche Erkenntniß. V. 13—17. Nun erst fühlt sich der Dichter wieder in der ruhigeren Stimmung, um zu beten. Bisher sprach er unter dem Drucke des Bewußtseins der allgemeinen menschlichen Nichtigkeit und Sündhaftigkeit, an der sein Volk, vollen Antheil hatte, weswegen es den stärksten Druck zu erdulden hatte. Nun, da er sich des Mittels, zum Heil zu gelangen, erinnert, bittet er besonders um Gnade Gottes für sein Volk. „Laß ab Ewiger" (von Deinem Zorn), „wie lange noch" willst Du uns fern bleiben „und habe Mitleid mit deinen Dienern. Sättige uns von Neuem mit Deiner Gnade*), so wollen wir frohlocken und uns freuen all' unsere Tage. Erfreue uns anstatt der Tage, die Du uns bedrücktest, der Jahre, da wir Unglück erfuhren. Es erscheine Deinen Dienern Dein Walten" (das Reich Gottes) „und Deine Herrlichkeit über ihren Kindern. Es walte die Freundlichkeit des Herrn unseres Gottes über uns, und fördere (und festige) das Werk unserer Hände bei uns, ja das Werk unserer Hände fördere und festige es". Wie vielfach man auch versucht wird, in diesen Psalm kritisch einzuareifen, hier eine Lücke, dort eine Einschaltung, dort eine Entstellung anzunehmen, so bietet sich doch nirgends *) Im Texte heißt es: „S. uns am Morgen mit d. G". Der Morgen ist oft das Bild der wiederkehrenden Gnade, wie die Nacht das des eintretenden Unheils.

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