Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 50 (sequence 18)
- Language
- German
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50 kann; auf Gott vertraue ich, fürchte mich nicht: was kann mir Fleisch anthun?" sPs. 56, 5]. Und die Ruhe uud der Frieden, die dann in das Herz einziehen, schildert uns das Wort: „Ja, zu Gott ist stille meine Seele, von ihm wird mir Hülfe. Ja, er ist mein Fels und meine Hülfe, meine Burg; nicht werde ich wanken" sPs. 62, 2 — 3]. Aber auch das gewaltige Dennoch des Glaubens, der hofft, auch wo er nicht sieht, wie weltüberwindend tönt es uns entgegen aus den Worten: „Dennoch hat Israel Gott zum Trost, wer nur reines Herzens ist" sPs. 73, 1]. Denn keiner wird zu Schanden, der aus Gott harret, und Gottes Treue geht weit über der treuesten Menschen Treue: „Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich auf" sPs. 27, 10s. Das Gefühl der Gemeinschaft mit Gott überwindet alles Leid und alle Trübsal; es wiegt eine Welt aus, und dies höchste Gut kann nichts uns rauben. „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde; wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, alle Zeit meines Herzens Trost und meür Heil" fPs. 73, 25—26]. Die Sehnsucht nach Gott, wo ist sie jemals ergreifender und gewaltiger ausgesprochen als in dem 42. Psalm: „Wie ein Hirsch schreiet nach srischenl Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, nach Dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue?" Das bange Harren aus Gott und das sehnsüchtige Ausschauen nach ihm unter dem Gefühle zeitweiliger Gottverlassenheit, wo finden wir es kürzer und herzbewegender ausgedrückt, als in dem gewissermaßen nur hingehauchten Gebetsseufzer des 6. Psalms: „Meine Seele ist sehr erschrocken. Und Du, Herr, wie so lange?" oder in her zum Tode betrübten Frage des 22. Psalmes: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Und hier will ich nicht verfehlen, auf eine charakteristische Thatsache hinzuweisen. Bekamrtlich nimmt die Klage in dem Psalter einen sehr breiteil Rauln ein. Aber mit einziger Ausnahme des 88. Psalms bleibt keines der Lieder in der Klage stecken: sie alle überwinden Leid mrd Trübsal und ringen sich durch zu Hoffnung und Glaubell, so daß die Klage schließlich ausmündet in Dank ulld Preis. Am Rührendsten und Ergreifendsten