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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 48

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Psalmen in der Weltliteratur
Date
1898-01-01
Page
48 (sequence 16)
Language
German
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48 auch hier ist die'Wurzel keine schlechte: wir haben nur das trübe Gähren eines Mostes, der ans edlen Trauben gekeltert ist. Wir alle wissen, daß auch die Sonne Flecken hat, und dennoch ist und bleibt sie uns das Symbol der Reinheit und Helle. So können wir auch einzelne dunkle Punkte in den Psalmen zugeben und dürfen uns doch an das überwiegend Sonnenhafte in ihnen halten; sie bieten so unverhältnißmäßig viel rein und wahrhaft Menschliches, daß wir ihnen auch von diesem Gesichtspunkte aus die Zugehörigkeit zur Weltliteratur nicht bestreiten zu lassen brauchen. Aber welches ist nun ihre Bedeutung in der Weltliteratur? Daß sie für die Welt sind, was sie für Israel gewesen sind, das Gebet- und Gesangbuch. In der That haben wir in den Psalmen die reinste Ausprägung des Religiösen in der Kunstform der Lyrik, die Krone der heiligen Poesie. Ihr Reichthum ist unerschöpflich, wie das Leben; sämmtliche Lagen und Vorkommnisse des Lebens werden in das Licht der göttlichen Betrachtungsweise gerückt und durch die Frömmigkeit geweiht und geadelt, so daß sie sich zu Gebet und Hymnus verklären. Alle Töne finden wir in ihnen angeschlagen, und alle in gleicher Reinheit und in gleicher Stärke; Klage und Trauer, Buße und Bekenntniß, Lob und Preis, Dank und Anbetung. Es ist. kaum eine Situation oder Stimmung denkbar, welche nicht im Psalter ihren klassischen Ausdruck gefunden hätte. Johannes Calvin, wohl der größte Psalmenerklärer aller Zeiten, nennt den Psalter daher eine Anatomie der Seele, da die menschliche Seele keine Regung und keine Stimmung kenne, welche nicht in den Psalmen ihr Spiegelbild finde. Und Martin Luther, der der Psalmen kongenialste, sagt in seiner Vorrede auf den Psalter: „Daher kommts auch, daß der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeglicher, in wasserlei Sachen er ist, Psalmen und Worte darinnen findet, die sich auf seine Sachen reimen und ihm so eben sind, als wären sie allein um seinetwillen also gesetzet, daß er sie auch selbst nicht besser fetzen noch finden kann, noch wünschen mag." Wollen wir die Probe machen auf dies Wort Luthers? Gewiß; denn nachdem wir so viel über die Psalmen geredet haben, wollen wir doch auch etwas von den Psalmen selbst hören.

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