Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 45 (sequence 13)
- Language
- German
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— 45 — - ■ Judengott — nun so bekenne ich mich in diesem Punkte offen und rückhaltslos als einen Juden und lebe der getrosten Zuversicht, deshalb kein schlechterer Deutscher und kein schlechterer Christ zu sein. 1 ■ Aber nicht nur theologische Mängel entdeckt man im Alten Testament und speziell den Psalmen, sondern auch schwere sittliche Fehler. Auf der einen Seite, wo es sich um Israel handelt, eine hochmüthige unfromme Selbstgerechtigkeit, die vor Gott hintritt und Lohn von ihm fordert, auf dtzr anderen Seite, wo: es sich um Nichtisraeliten handelt, eine inhumane blutdürstige Gesinnung, die nur Gefühle des Hasses und der Rache kennt und von Gott für diesen Theil der Menschheit nur Zorn und Verdammung erwartet, ja erdetet. Doch zunächst eine allgemeine Vorbemerkung: daß auch Israel den Zorn Gottes verdient und chn beständig zu gewärtigen habe, das sprechen gerade die Psalmen wiederholt aufs Deutlichste und Ergreifendste aus. Und die Strafgerichte, welche die Psalmensänger erhoffen und erwarten, gelten zu einem sehr wesentlichen Theile nicht Heiden, sondern unfrommen und abtrünnigen Israeliten. Was die unleugbaren Aeußerungen der Selbstgerechtigkeit betrifft, so darf man, wenn man billig urtheilen will, nicht vergessen, daß ihnen mindestens in gleicher Zahl Schilderungen der eigenen Sündhaftigkeit und Verderbtheit zur Seite stehen, die auch die stärksten Farben auftragen. Also sich selbst geschmeichelt und über sich selbst sich zu täuschenversucht hat Israel nicht, ja wir können die hierin sich äußernde unbarmherzige Wahrheitsliebe nur bewuirdern. Und bei dieser Selbstgerechtigkeit ist weiter sehr zu beachten, daß derartige Aeußerungen nicht persönlich-individuell gemeint sind, sondern von Israel als Gesammtheit gelten; denn die Psalmen sind Gemeindelieder, das in ihnen redende Ich die Gemeinde. Und durfte Israel, wenn es auf die Nacht und Finsterniß des rings es umgebenden Heidenthums sah, sich nicht dankbar und ftoh des Gnadengeschenks bewußt werden, welches ihm in seiner Gottesoffenbarung geworden war? Durfte es nicht gegenüber den Lastergreueln des Heidenthums wirklich reden von seiner Gerechtigkeit und daß es die Gebote des Herrn gehalten habe? Bezeichnet doch auch die christliche Kirche in dem