Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 43 (sequence 11)
- Language
- German
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43 dem echten und wahren Zorn kann man sagen, daß er zu dem Göttlichsten gehört, was der Mensch überhaupt besitzt: denn er ist das elementare Sichaufbäumen des Göttlichen im Menschen gegen alles Niedrige und Gemeine, weil es in chm eine Erniedrigung und Entweihung seines wahren Wesens empfindet. Es ist bekannt, daß gerade große und bedeutende Menschen niemals größer und bedeutender erscheinen, daß chre Größe und Bedeutung niemals unmittelbarer zum Bewußtsein kommen, als wenn sie zürnen mit diesem echten und wahren Zorn, wie chre Gestalt zu wachsen scheint, das Auge Blitze sprüht, um das Gemenre zu verzehren in läuternder und sühnender Flamme — ein Anblick, ebenso gewaltig und erhebend, wie der Anblick eines Gewitters, in welchem der Mensch ja stets am unmittelbarsten die Stimme Gottes zu vernehmen geglaubt hat. Gerade der Zorn ist einer der wesentlichsten Theile des göttlichen Ebenbildes, nach welchem der Mensch geschaffen ist, und er sollte dem Urbilde fehlen? Der Zorn Gottes ist eben nichts anderes, als die Reactiou der göttlichen Heiligkeit gegen alles Unheilige und Widergöttliche: „Denn," wie es in einer Psalmenstelle heißt, „Du bist nicht eiu Gott, dem gottloses Wesen gefiele, der Böse kann .nicht bleiben vor Dir" sPs. 5, 5s. Ein Gott, dem dieser Zug sehlte, wäre wie ein Mensch, dem das Gewissen fehlt, und um die wahre Meinung des Alten Testamentes über das Verhältniß dieses einen Zuges zu dem Gesammtbilde Gottes zu erfahren, brauchen wir nur an das Psalmenwort zu denken: „Denn einen Augenblick währet sein Zorn und ein Leben lang seine Gnade; wo Abends Weinen einkehrt, da ist am nächsten Morgen Jubel" sPs. 30, 6s. Diejenigen, die sich so ereifern über den zornigen Judengott, wissen nicht oder vergessen, daß der Zorn Gottes nicht nur eine jüdische, sondern ebenso auch eine christliche Lehre ist, so daß also alle Nackenschläge und Fußtritte, welche um deßwillen dem Alten Testamente versetzt werden, auch das Neue treffen. Und wenn solche, welche Deutschthum und Nationalität gepachtet zu haben wähnen und Siegfried und Wodan gegen David und den Gott Israels ausspielen, von ihrem deutschnationalen Gewissen und Empfinden getrieben Zeugniß ablegen wider den zornigen Judengott, so weiß man vollends nicht, was man