Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 42 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Gott, der da thront über dem Kreis der Erde, vor dem ihre Bewohner sind wie die Heuschrecken, vor dem Völker geachtet sind wie der Tropfen am Eimer und wie ein Stäubchen auf der Waage. Daher kommt es auch — für mich einer der stärksten Beweise für die Göttlichkeit der Religion Israels — daß alle diejenigen, welche mit einem persönlichen Gotte gebrochen haben, gerade das Alte Testament mit ihrer besonderen Abneigung beehren: denn der Gott Israels läßt sich nicht spotten; mit dieser gewaltigen Persönlichkeit giebt es kein Pactiren und kein Transagiren, er läßt sich in keinem philosophischen Scheidewasser auflösen und in keiner pantheistischen Retorte verdampfen; er ist der er ist, und bleibt, der er bleibt, der spricht, und es geschieht, der gebeut, und es steht da, der den Himmel durch sein Wort gemacht und sein ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes, der die Erde anschaut und sie zittert, der die Berge anrührt und sie rauchen, der seinen Odem zurücknimmt und sie verhauchen und werden wieder zu dem Staube, davon sie genommen sind. Aber stellt das Alte Testament seinen Gott nicht doch zu menschlich dar? Legt es ihm nicht auch unschöne menschliche Leidenschaften bei? Hier spielt namentlich der Zorn eine Rolle und die Rede von dem zornigen Judengott ist ja eine weit verbreitete, die einem immer und überall entgegentritt, wo es gilt, die Religion und die heilige Literatur Israels herabzusetzen und zu verunglimpfen. Gewiß redet das Alte Testament viel und oft und nicht selten in recht starken Ausdrücken von dem Zorn Gottes. Da heißt es in einem Psalme: „Die Erde schwankte und die Grundfesten der Berge erzitterten, denn sein Zorn war entbrannt. Rauch stieg auf aus seiner Nase und Feuer fraß aus seinem Munde, glühende Kohlen brannten vor ihm her" sPs. 18, 8—9]. Das scheint allerdings mehr Moloch, als Gott. Aber sehen wir doch erst genauer zu. Vielleicht in keinem Punkt wimmelt es so von Mißverständnissen, als bei dem Zorn Gottes. Was ist überhaupt Zorn? Man glaubt ihn vor sich zu haben, wenn man einen Menschen zanken und poltem, schimpfen und toben sieht; aber ein solcher Mensch ärgert'sich blos, und sich ärgern und zürnen ist sehr zweierlei. Von