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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 39

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Psalmen in der Weltliteratur
Date
1898-01-01
Page
39 (sequence 7)
Language
German
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39 dies Buch für göttliche Offenbarung zu halten. Aber so steht die Sache mit den Psalmen nicht. Wohl sind die 150 einzelnen Lieder der Psalmensammlung nicht alle von gleichem Werth und gleicher Bedeutung; nach dem bekannten Ausspruche des Horaz schlummert selbst Homer ab und zu einmal, wobei ihm ein schwächerer Vers oder eine mattere Episode mit unterläuft, aber man beurtheilt und werthet einen Dichter und eine Literatur nach ihrem Besten, und daß unter den Psalmen eine beträchtliche Anzahl zu dem Schönsten und Herrlichsten gehört, was die gesammte lyrische Poesie überhaupt besitzt, das leugnet kein Urtheilsfühiger, der die Psalmen kennt. Auch daß die Psalmen spezifisch israelitische Geistesprodukte und für das Volk Israel charakteristisch sind, wird schwerlich ein Mensch leugnen. In welcher Literatur haben wir überhaupt etwas Aehnliches? Wohl sind neuerdings in der keilschriftlichen Literatur Poesien gefunden worden, welche mit den Psalmen eine unleugbare Aehnlichkest haben; sie sind in dem eigenthümlichen Parallelismus der Glieder, dem Gedankenrhythmus abgefaßt, welcher uns aus der israelitischen Poesie bekannt ist, und auch in den Redewendungen findet sich manches, was uns unwillkürlich an die Sprache der Psalmen erinnert; aber wer diese assyrischen und babylonischen Psalmen auch nur im Entferntesten den hebräischen an die Seite stellen und ini Ernste mit ihnen vergleichen wollte, der würde dadurch nur seine eigene Urtheilslosigkeit documentiren; gerade bei der Verwandtschaft der Form und der Aeußerlichkeiten kommt uns die völlige Verschiedenheit des Geistes und Inhalts doppelt zum Bewußtsein, wie man etwa die ganze Größe, Herrlichkeit und Einzigartigkeit von Goethes Hermann und Dorothea erst durch einen Vergleich mit Vossens Luise so recht inne wird. Aber erheben sich die Psalmen zur Höhe des rein Menschlichen? Oder müssen wir am Ende nicht doch in diesem wichtigsten Punkte sie ebenso beurtheilen, wie den Koran? Die Psalmen sind religiöse Poesien, der klassische Ausdruck der Religion Israels und die Frage spitzt sich daher zu zu der wichtigeren principiellen: Ist die Religion Israels lediglich eine national bedingte und umgrenzte, oder hat sie eine Be-

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