Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 38 (sequence 6)
- Language
- German
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38 Göttlicheres, als die Individualität des einzelnen Menschen, wie der einzelnen Nationen; sie darzuleben und auszuwirken ist erste und unerläßliche Pflicht. Wie nach dem tiefsinnigen Worte Rückert's die Rose eben dadurch den Garten schmückt, daß sie sich selbst schmückt, so geht es auch mit den Menschen: der Einzelne und die einzelne Nation werden nur dadurch und insoferm ein werthvolles Glied der Menschheit, als sie eine ausgeprägte Eigenart entwickeln, die in dieser Weise von keinem anderen Menschen, von keinem anderen Volke entwickelt werden könnte. Also die zur Weltliteratur gehörenden Geistesprodukte müssen sein vollendete Kunstwerke, die einen rein und allgemein menschlichen Inhalt zur Darstellung bringen in einer spezifisch national ausgeprägten Form, so daß ein solches Werk in dieser Art nur von dem Volke geschaffen werden konnte, unter welchem es entstanden ist. Nachdem wir uns so orientirt haben, treten wir nun an die Behandlung unseres Themas. Dieselbe wird sich nach zwei Richtungen zu bewegen haben; wir müssen fragen: Gehören die Psalmen überhaupt zur Weltliteratur in dem von uns gemeinten eminenten Sinne? Und wenn wir diese Frage bejahen können: Was ist die Bedeutung der Psalmen in der Weltliteratur? Halten Sie es nicht für Pedanterie oder gar für etwas Ueberflüssigcs, wenn ich zunächst die Frage stelle: Gehören die Psalmen überhaupt zur Weltliteratur? Die Verbreitung allein thut es noch nicht. Der Koran z. B. kann in Bezug auf Verbreitung schon mit der Bibel in Wettbewerb treten — ist er doch die Bibel für rund 200 Millionen Menschen in Europa, Asien und Afrika; aber ich meinerseits würde den Koran niemals zur Weltliteratur rechnen. Wohl ist er im eminenten Sinne national, eine geradezu typische Ausprägung der eigenthümlichen Vereinigung von trocken nüchternen! Verstand und üppig wuchernder, sinnlich glühender Phantasie, welche den arabischen Nationalcharakter bildet. Aber der Koran ist im Nationalen stecken geblieben und erhebt sich weder zur Höhe des rein Menschlichen, noch des vollendeten Kunstwerkes. Die trostlos öden Prosapartien und die schwülstig überladenen poetischen Stücke sind für jeden Nichtaraber ungenießbar, wenn er nicht von Religions wegen gezwungen ist-.