Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 37 (sequence 5)
- Language
- German
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37 Bedeutung haben, sondern daß sie der Welt gehören. Selbstverständlich sind das in allen Einzelliteraturen nur die hervorragendsten Leistungen, die unvergänglichsten Schöpfungen, in denen der dichterische Genius gewissermaßen sich selbst übertroffen hat, ganz wie bei einem Hochgebirgspanorama für den Fernerstehenden die niederen Berge zu einer compakten formlosen Masse verschwimmen und zerfließen, während als plastisches Einzelbild nur wirken die höchsten Spitzen, welche selbstherrlich und in einsamer Majestät in das lichte Blau des Aethers emporragen, schon von dem ersten Hauch der Morgenröthe geküßt, während über Berg und Thal die Nacht noch ihre dunklen Schwingen breitet, und noch von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gcröthet, während tiefe Dämmerung sich schon auf die Erde herabsenkt. Das ist es, was wir sagen wollen, wenn wir von Weltliteratur reden, wenn wir einem dichterischen Erzeugnisse die Zugehörigkeit zur Weltliteratur zuerkcnncn. Und welches sind die Rechtsansprüche, welche diese Zugehörigkeit begründen? Daß solche Werke vollendete Kunstwerke sein müssen, ist so selbstverständlich, daß es nicht besonders erwähnt zu werden braucht; denn in jeder Kunst hat nur das Vollendete eine dauernde Existenzberechtigung. Die wesentlichsten Erfordernisse für die Zugehörigkeit zur Weltliteratur hat uns Goethe in dem vorhin angeführten Gedicht auf Herder klar und deutlich gezeigt, wenn er sagt: „sie wollten Nur Menschliches, was alle wollen sollten." Der Inhalt solcher Werke muß ein rein menschlicher sein; sie müssen Gefühle in uns wachrufen, welche jedem Menschen als solchen eignen, er sei geboren unter welcher Zone und in welchem Volke er wolle: sie müssen international sein im eminentesten Sinne des Wortes. Aber noch ein zweites sehrwesentliches Erforderniß nennt uns Goeche in den Worten, daß sie „singen, was jeden in der Mutterluft gerührt". Solche Werke müssen auch national sein im eminentesten Sinne des Wortes, sie müssen charakteristisch sein für die Nation, der sie entsprießen, auch zugleich die höchste und reinste künstlerische Selbstdarstellung ihrer besonderen Individualität. Es giebt auf Erden kaum etwas Heiligeres und