Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 36 (sequence 4)
- Language
- German
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— 36 seine Zeitgenossen und alle Folgezeiten gewissermaßen neu entdeckt und seine Herrlichkeit erschlossen; wer sich nur irgend mit der heiligen Literatur Israels beschäftigt und wer sie liebt, der ist vielleicht keinem Menschen zu größerem Danke verpflichtet und schuldet keinem einen höheren Zoll ausrichtiger Bewunderung, als Johann Gottfried Herder. Eine providentielle Fügung brachte diesen Seher und Propheten in die engste persönliche Beziehung zu Goethe gerade in dessen kritischster und bedeutsamster Zeit, als in Straßburg es stühlingsmächtig in chm zu sprießen begann und alle Knospen sprangen. Daß solche Anregungen bei seinem unvergleichlich reicheren und unendlich umfassenderen Dichtergenius auf fruchtbaren Boden fallen mußten, ist durchaus natürlich. Er konnte nicht anders, als in der dichterischen Selbstbethätigung der einzelnen Völker einen „Sphärcutanz harmonisch im Getümmel" sehen, wie er es in dem „Weltliteratur" überschriebcnen Gedicht ausspricht; er fand für die Sache das bezeichnende Wort: Weltliteratur. Was irgend ein Mensch oder ein Volk auf Erden Schönes und Bleibendes geschaffen, das ist Glicht bloß für diesen Menschen und dieses Volk geschaffen, sondern für die Menschheit, für die ganze Welt: vor der Weltmacht der Poesie und des Schönen fallen alle nationalen Schranken, die Grenzen ihrer Macht reichen so weit, als es überhaupt eine Poesie und ein Schönes giebt, das heißt, so weit als überhaupt sühleude Menschenhcrzcn schlagen. Aber dies von Goethe geprägte Wort wird in einem doppelten Sinne gebraucht: nicht nur als Constatirung einer Thatsache, sondern auch ün Sinne eines Urtheils. Wohl bildet alles, was die Menschheit dichterisch hervorbringt, zusammen die Weltliteratur als dichterische Bethätigung des Menschengeistes, dem diese dichterische Bethätigung eben angeboren ist, tveiche zu seinem Wesen gehört und die da weht, wo sie will, nicht gebunden an Nationalität oder Race; aber es sind doch immer nur einzelne Dichtergenien, ja nur einzelne ihrer Werke, von denen wir in einem ganz besonderen Sinne sagen, daß sie der Weltliteratur angehören. Und was meinen wir, wenn wir ein solches Urtheil abgeben? Wir wollen damit sagen, daß diese Werke nicht nur für ihr Volk eine