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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 35

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Psalmen in der Weltliteratur
Date
1898-01-01
Page
35 (sequence 3)
Language
German
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35 Littauer. Gerade Herders Geburtsstadt Mohrungen liegt in unmittelbarer Nähe des ganz polnischen und damals auch politisch noch zum Königreich Polen gehörenden Ermlandes. Durch diese Eindrücke seiner Heimath und die ganz ähnlichen Verhältnisse in Riga, wo er nach Beendigung seiner Königsberger Studienzeit zunächst fünf Jahre verlebte, mußte sich sein Ohr schärfen für die Eigenart nationaler Töne und mußte andererseits sich ihm der Blick öffnen für das Gemeinsame in der nationalen Eigenart, eben das rein Menschliche. Und Herder verstand es, die Völker da zu belauschen, wo sie sich am individuellsten und doch dabei am reinsten menschlich geben, eben in den spontanen Aeußerungen der Volksthümlichkeit. . Für das Volksthümliche hat Herder einen wunderbaren Blick und ein einzigartiges Verstündniß: er ist recht eigentlich der Entdecker der Volksseele. Mag es sich um Eschen oder Perser, um Littauer oder Spanier, um Schotten oder Israeliten handeln: mit überall gleichem Seherblick erkennt und versteht Herder ihre innersten Regungen und empfindet in der Volksliteratur ihren dichterischen Widerhall und ihre künstlerische Selbstdarstellung. Die ganze Menschheit ist ihm gewissermaßen eine Riesenharfe in der Hand Gottes, wo jedes Volk eine Saite für sich bildet und seinen besonderen Ton giebt, aber alle zusammen von der Hand Eines himmlischen Meisters gerührt zusammenstimmen in einem brausenden Akkord ewiger Harmonieen: denn der nämliche Gott gab ihnen allen zu sagen, wie sie leiden und wie sie sich beglückt fühlen; dies nur sprechen sie aus, jedes in dem Ton, den Gott ihn: gerade gegeben hat. Wie durch diese Anschauungsweise Herdergerade für das Verständniß der heilige:: Literatur Israels epochemachend.gewesen ist, darf ich wohl als bekannt voraussetzen. Während man ursprünglich in ihr lediglich das übernatürlich geoffenbarte Wort Gottes gesehen hatte, mit völliger Verkennung des menschlichen Factors und während der Vater einer zeitgeschichtlichen Auffassung der biblischen Bücher, der alte Johann Salomo Seniler in Halle, im Alten Testament nur die unerquicklichen Literaturproducte eines ungebildeten Volkes zu erkennen vermochte, hat Herder es als ein künstlerisches Erzeugniß des israelitischen Volksgeistes und als eine religiöse Urkunde verstehen gelehrt und dadurch es für

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