Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Und so von Volk zu Volke hört er singen. Was jeden in der Mutterluft gerührt, ' Er hört erzählen, was von guten Dingen Urvaters Wort dem Vater zugeführt. Das alles war Ergötzlichkeit und Lehre, Gefühl und Thut, als wenn es Eines wäre. Was Leiden bringen mag und was Genüge, Behend verwirrt und ungehofft vereint. Das haben tausend Sprach- und Redezüge Vom Paradies bis heute gleich gemeint. So singt der Barde, spricht Legend' und Sage, Wir fühlen mit, als wären's unsre Tage. Wenn schwarz der Fels, umhangen Atmosphäre Zu Traumgebilden düstrer Klage zwingt. Dort heit'rem Sonnenglanz im offnen Meere Das hohe Lied entzückter Seele klingt; Sie meinen's gut und fromm im Grund, sie wollten Nur Menschliches, was alle wollen sollten. Wo sich's versteckte, wußt' er's aufzufinden. Ernsthaft verhüllt, verkleidet leicht als Spiel; Im höchsten Sinn der Zukunft zu begründen Humanität sei unser ewig Ziel. O warum schaut er nicht in diesen Tagen Durch Menschlichkeit geheilt die schwersten Plagen! Herder ist bekanntlich Ostpreuße gewesen und seitdem ich Ostpreußen aus eigener Anschauung kenne, bin ich geneigt, es nicht für einen Zufall zu halten, daß ein ostpreußischer Geist es gewesen, dem zuerst der Begriff einer Weltliteratur aufgegangen. Gerade Ostpreußen hat ja ethnographisch ganz eigenartige Verhältnisse, wie man sie in Deutschland nirgendwo wiederfindet. Hier leben neben und mit der deutschen zwei andere Nationalitäten von scharf, ausgeprägter individueller Eigenart und von hoher dichterischer Begabung: Polen und