Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 von jener Unbescheidenheit, die da glaubt, von den Anderen nichts lernen zu können; wir wissen im Gegentheil sehr genau, daß wir in der wissenschaftlichen Methodik und in verschiedenen Disziplinen noch viel, ja sehr viel lernen können und auch zu lernen haben. Gerade bei diesem Punkt setzen ja in den meisten Fällen unsere Gegner ein, wenn sie die Arbeiten aus der Wissenschaft des Judenthums kühl abweisen, verspotten oder auch vornehm ignoriren. Unbekümmert um diese Behandlung wird nun aber die Wissenschaft des Judenthums ihres Weges weiter ziehen müssen, wie sie dies seit mehr als fünfzig Jahren gethan, um in heißem Ringen das Ziel zu erreichen, das ihr ein Leopold Zunz vorgesteckt. Noch ist kaum ein Theil dieser Arbeit gethan, noch sind weite Länderstrecken kaum urbar gemacht, geschweige denn bearbeitet worden, noch haben wir nicht einmal die grundlegenden Werke für alle einzelnen Fächer dieser Wissenschaft und es bedarf daher hingebenden Fleißes, eindringlicher Arbeit, unermüdlicher Sammlung, um die Universitas litterarum moralisch zu zwingen, daß sie unsere Wissenschaft als gleichwerthig und gleichberechtigt in den Kreis der allgemeinen Wissenschaften aufnehme. Was ist nun im abgelaufenen Jahr geschehen, um diesem großen Ziele näher zu kommen? Ein Jahr ist nur eine kurze Spanne Zeit für die Betrachtung des Entwickelungsganges einer Wissenschaft; gleichwohl ist es möglich, nach dem innerhalb eines Jahres Geschaffenen und Geleisteten diesen Entwickelungsgang selbst zu verfolgen und zu beurtheilen. Das Projekt der Herausgabe eines Jahrbuches für jüdische Geschichte und Literatur hat von selbst den Gedanken erzeugt, in einem solchen Buche diesen Entwickelungsgang zu schildern. Indem ich die schwierige Aufgabe übernommen, möchte ich das Resultat meiner Beobachtungen an die Spitze dieser Uebersicht stellen. Während die Jahre 1830—70 eine Renaissance der Wissenschaft des Judenthums bedeuteten, trat in den folgenden Jahrzehnten ein bedenklicher Rückschritt ein, ein Ermatten jener snschen Kraft, die mit wahrem Feuereifer das Gebäude dieser Wissenschaft aufzurichten bemüht war. Wenn nicht alle Symptome täuschen, haben wir nunmehr auch dieses Epigonen-