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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 11

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Jahresrückblick
Date
1898-01-01
Page
11 (sequence 9)
Language
German
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11 und gütigere Gesinnung als sein Vater, dieser Fanatiker des Russenthums und des griechisch-orthodoxen Glaubens. Ein milderer Wind weht in den höchsten Regionen, die bestehenden Ausnahmegesetze werden weniger scharf gehandhabt, einzelne Ausschreitungen eines verblendeten Pöbels werden streng gezüchtigt, neue Hoffnungen beleben die armen Hebräer. Als ein Zeichen erträglicherer Zustände mag es gelten, daß die jüdische Auswanderung aus Rußland beträchtlich abgenommen hat. Freilich gehen hier durch die Schuld einer verderbten und beschränkten Bureaukratie Reformen in liberalem Sinne immer langsamer vorwärts, als Maßregeln des Rückschritts und der Unterdrückung. Ein vorzüglicher Gedanke des Zentralausschusses der russischen Israeliten nnd des Baron Hirschschen Komites ist der, die russischen Glaubensgenossen, anstatt sie mit ungeheuren Kosten nach dem fernen und so andersgearteten Argentinien zu führen, vielmehr im Jnlande zur Ausübung der Handwerke und des Ackerbaues in den Stand zu setzen. Nur so kann, wenn auch langsam und allmählich, eine Besserung in den materiellen und zugleich in den moralischen Zuständen der russischen Juden bewirkt werden. Der große Staat jenseits des Wassers, die nordamerikanische Union, ist Hunderttausenden von Israeliten eine wahre Heimath geworden. Unter dem segensreichen Einflüsse der Freiheit entfaltet sich das amerikanische Judenthum in glänzender Weise. Ueberall herrscht in ihm reges und kräftiges Leben, von dem unter anderem die zahlreichen israelitischen Kongresse jeder Art Zeugniß ablegen. Auch ein israelitischer Frauenkongreß tagte in New-Nork und bewies, daß in unseren Schwestern der neuen Welt religiöses Gefühl, Sinn für hingebende Wohlthätigkeit und vorwärtsstrebender Muth obwalten. Solche Erscheinungen sind übrigens echt amerikanisch nnd thun von neuem dar, wie sehr sich allerorten der jüdische Charakter dem nationalen anpaßt und mit ihm ausgleicht. Diese sonst als reine Nützlichkeitsapostel und Dollarjäger geschmähten Amerikaner, auch die jüdischen Glaubens, zeigen dabei eine Begeisterung für geistige Interessen, die uns Europäer beschämen muß. Das vor einigen zwanzig Jahren aus freiwilligen Beiträgen begründete amerikanische Rabbinerseminar — Hebrew Union College — besitzt ein eigenes großes glänzendes Heim und besoldet neun eigene Professoren! Der Vergleich mit unseren deutschen Anstalten,

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