Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 12 (sequence 10)
- Language
- German
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12 mit ihren schwach bezahlten drei oder vier Dozenten, fällt nur zu Ehren Amerikas aus. Es ist natürlich und sogar in mancher Beziehung recht erfreulich, daß die Anfeindungen des europäischen Antisemitismus und die langsame Ausschließung der Juden vom nationalen Leben zumal in Deutschland eine kräftige Gegenwirkung bei den dortigen Israeliten erzeugt haben. So entwickelt sich, besonders bei einem Theile der jüdischen Jugend, gleichfalls ein chauvinistischer Geist, der sich in Stiftung speziell jüdischer Studentenverbindungen, dann in spezifisch jüdischen Wohlthätigkeits-, Bildungs- und Geselligkeitsvereinen ausspricht. Es ist das immer besser, als wenn die jüdische Masse den Widersachern gegenüber sich völlig stumpf und gleichgiltig benähme. Jndeß von allgemeinerem und weiterem Standpunkte aus ist diese, allerdings von den Gegnern hervorgerufene immer schärfere Selbstabsonderung der Juden von den uns umgebenden Völkern sehr zu beklagen. Wir sind eine kleine Minderheit und können in geistiger wie materieller Beziehung durch die Einpferchung in ein unsichtbares, aber dabei sehr reelles Ghetto nur schwere Einbuße erleiden. Unsere Religion ist und bleibt ein großartiges Kulturelement für uns selbst und für die anderen;' allein sonst ist die christliche Welt des Abendlandes die Trägerin der Kultur und wenn wir wieder mehr und mehr von ihr getrennt werden, kann das nur in jeder Beziehung zum Nachtheile gereichen. Gewiß, wir wollen treue, eifrige, selbstbewußte Juden bleiben, aber zugleich auch Patriotische und hingebende Söhne desjenigen Volkes, dem wir Bildung, Sprache und Geistesrichtung verdanken, das uns ehedem in sich aufzunehmen verhieß und dem die fortschreitende Gesittung und Zivilisation auch sicher mit der Zeit wieder gerechtere und wohlwollendere Gefühle uns gegenüber einflößen wird.