Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 7 (sequence 5)
- Language
- German
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i absichtlich preisgiebt, abzuhelfen. Schon früher existirten einzelne Bezirksverbände von Synagogengemeinden Preußens. Der Thätigkeit des deutsch-israelitischen Gemeindebundes seit dem Herbste 1896 war es Vorbehalten, diese Bezirksverbände über fast alle Provinzen des alten Preußen vor 1866 auszudehnen. Ebenso schloß sich die überwiegende Mehrheit der israelitischen Lehrervereine zu dem großen deutsch-jüdischen Lehrerverbande zusammen. Auch die noch Widerstrebenden werden folgen. Denn Einheit und Gemeinschaft sind nothwendig, wenn unser schwaches Häuflein sich mit Erfolg gegen innere und äußere Gefahren vertheidigen will. Nicht genug zu rühmen ist die Wirksamkeit der überall entstehenden Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, der jüdischen Lesehallen und Bne-Brith-Logen. Hier erhalten Hunderte und Tausende anregende und eingehende Kenntniß der großen Geschichte Israels, seiner herrlichen und unvergleichlichen Lehre, seines reichen Schriftthums; sie lernen die gegenwärtige Lage ihrer Glaubensgenossen, deren Kämpfe und Bedürfnisse verstehen; sie erfüllen sich mit lebendigem Interesse für das Zudenthum und mit berechtigtem Stolze, diesem anzugehören. Freilich sind es mehr die mittleren Schichten, die sich an diesem Vereinsleben betheiligen. Es gilt noch, die Höchstgebildeten gleichfalls dafür zu gewinnen. Der Antisemitismus Oesterreichs befindet sich jetzt in einem ähnlichen Stadium, wie der reichsdeutsche vor fünf Jahren. Er trägt äußerlich große Erfolge davon, ja weit größere, als je seine deutschen Anhänger, aber er trifft noch auf die entschiedene Gegenwirkung liberaler christlicher Elemente, die bei uns so ziemlich aufgehört hat. Sein Führer Lueger hat das Ziel seines Ehrgeizes erreicht, er ist erster Bürgermeister Wiens geworden. Die antisemitischen Fraktionen sind so selbstbewußt,' die Konferenz mit anderen Parteien abzulehnen, wenn Juden sich in diesen befinden. Dagegen sehen wir im cisleithanischen Abgeordnetenhause noch elf Israeliten sitzen und die bekannte Vorurtheilslosigkeit des Kaisers Franz Josef hat sich von neuem in der Berufung eines Juden — Prof. Grünhut — in das Herrenhaus glänzend bewährt. In Oesterreich, wo Lauheit und Gleichgiltigkeit unter den Juden noch größer war, als in Deutschland, hat endlich der Antisemitismus auch unter ihnen anregend gewirkt und es hat sich, nach dem von Deutschland gegebenen Beispiele, ein österreichisch-