Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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6 Endlich müssen wir mehr als bisher sür die geistige Weiterentwickelung des Judenthums arbeiten. Barmherzigkeit und Wohlthun waren von jeher in Israel zu Hause, sie werden noch heute in schönster und umfassendster Weise bethätigt. Das sind gewiß rühmliche Tugenden, aber sie gehen doch zum großen Theile aus einer' gewissen Weichheit und Nervosität hervor und dürfen nicht das ganze Wesen ausschließlich beherrschen. Die jüdische Gemeinschaft kann nicht nur eine gegenseitige Versicherungs- und eine Wohlthätigkeitsanftalt sein. Vor allem gilt es die Lehre des Judenthums weiter zu bilden und zu verbreiten. Und da fehlt es noch sehr. Am 27. Mai dieses Jahres feierte die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" zu Berlin ihr fünfundzwanzigjähriges Stiftungsfest. Sie hat im Einzelnen Tüchtiges und Erfolgreiches geleistet, infolge der Vorzüge und. rastlosen Thätigkeit der an ihr wirkenden Lehrer. Aber wie gering sind ihre Mittel! Sie reichen kaum aus, zwei oder drei Dozenten eben zu besolden. So ist es nothgedrungener Weise aus dieser Anstalt, die als jüdische Hochschule, als Pflegerin und Förderin der gesammten jüdischen Wissenschaft gedacht war, im Wesentlichen ein Rabbinerseminar geworden, wie die anderen, in dieser Richtung verdienstlich wirkenden Anstalten in Breslau und in Berlin. Selbst in der Hauptstadt haben unsere Reichen und Wohlhabenden für die Pflege jüdischer Wissenschaft keinen Sinn. Mehr- Idealismus! Das muß für Gegenwart und Zukunft unsere Parole sein. Fortschritte in der inneren Gesundung sind nichts desto weniger unverkennbar. Während der Antisemitismus diejenigen Elemente unter uns, in denen jedes jüdische Gefühl erloschen ist, zum Abfall treibt, hat er in allen Herzen, die noch Anhänglichkeit und Ehrerbietung für ihre viertausendjährige Glaubens- und Stammesgenossenschaft empstnden, das jüdische Bewußtsein neu belebt. Zahllose anscheinend Gleichgiltige sind wieder zu treuen Söhnen Israels geworden. Die Zersplitterten und Vereinzelten treten zusammen, schaaren sich um das alte Banner Judas zu gemeinsamer Vertheidigung. So bildeten sich die jüdischen Abwehrkomites, so der von tüchtigen Männern geleitete Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. So sucht die preußische Judenheit der Auflösung, der sie das Gesetz vom Jahre 1847