Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 8 (sequence 6)
- Language
- German
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8 israelitischer Gemeindebund gebildet, der hoffentlich dem erstarrten österreichischen Judenthum wieder warmes Leben einflößen wird. Die moralische Verächtlichkeit einzelner antisemitischer Führer ist übrigens im Donaustaate nicht minder auffallend als in Deutschland. Einer der hervorragendsten und lärmendsten dieser „Ehrenmänner", Vergani, ist durch einen schmachvollen Prozeß zur Niederlegung seines Reichsraths-Mandates genöthigt worden. Und wie in Deutschland, befehden sich dort die verschiedenen Sekten der Antisemiten, die Lüegerianer und die Schönererianer, und schleudern gegen einander die gemeinsten Anschuldigungen und Beschimpfungen. Man möchte sagen, wie Friedrich der Große beim Anblicke gefangener Kosacken: „Und mit solchem Gesindel muß man sich herumschlagen!" In der anderen Reichshälfte, in Ungarn, hat das kernige und politisch reife, kluge Volk der Magyaren dem Liberalismus und der parlamentarischen Freiheit zu glänzendem Siege verholfen. Hier ist kein Raum für den Äntisemitismus und die Israeliten erfreuen sich, trotz der Gegnerschaft der verbiflenen Klerikalen, vollkommener Gleichstellung. Dreizehn von ihnen sitzen unter den Abgeordneten; einer von ihnen — Siegmund Brody — ist neuerdings durch die Gnade des Königs in das Magnatenhaus berufen worden. Dagegen sehen wir in dem klassischen Lande religiöser Freiheit und Gleichberechtigung, in Frankreich, mit schmerzlicher Ueberraschung den Antisemitismus im Vorschreiten begriffen. Es sind die gleichen Faktoren, die ihn hier begünstigen, wie in Deutschland und Oesterreich: die religiöse Unduldsamkeit der streng kirchlichen Elemente; der hypernationale Chauvinismus und gewisse Bestandtheile der radikalen und sozialistischen Parteien, die in den Juden die Vertreter einerseits der positiven Religion und andererseits des Kapitalismus hassen. Schon gelang es dem berüchtigten Wortführer des französischen Antisemitismus, Drumond, mit Hilfe der Klerikalen einen antisemitischen Kongreß in Lyon zu Stande zu bringen, der gegen die Israeliten Ausschließung und geradezu Verfolgung forderte. Allein diese verderblichen Bestrebungen treffen doch bei dem hochherzigen und längst an relt^töfc Freiheit gewöhnten französischen Volke auf überlegenen Widerstand. Die Gerichte greifen schnell und kräftig gegen alle antisemitischen Ausschreitungen ein. Die Regierung hat sich