Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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5 Empfindlichkeit. Zweitens nnd vor allem: suchen wir unsere Eigentümlichkeiten, soweit sie nicht aus dem Wesen unserer Religion hervorgehen, abzustreifen. Wir besitzen ein lebhafteres Temperament als die Germanen. Das ist an und für sich kein Fehler und kein Unglück. Aber dem Ruhigen ist der Lebhafte, Bewegliche störend, ja verächtlich. Also bemühen wir uns, unser Aeußeres dem anzupassen, gemessener und stiller zu sein, das überlaute Reden und das Unruhige der Geberden zu vermeiden. Unsere Frauen geben mehr auf Geschmack und Glanz der Kleidung als ihre deutschen Schwestern, die in ihrer Gleichgiltigkeit gegen die äußere Erscheinung sicher zu weit gehen. Jndeß wir leben nun einmal unter diesen deutscben Frauen, mit ihren zahlreichen Vorzügen neben den kleinen Mängeln. Mögen deshalb unsere Damen sich in ihrem Anzuge größter Einfachheit befleißigen, die ja bei Leibe keine Geschmacklosiigkeit zu sein braucht. Aehnliches ist von der ganzen Lebenshaltung zu sagen. Wenn unsere Männer und Frauen wüßten, welche Summe von Abneigung gegen sich und die Judenheit überhaupt sie durch anscheinend prahlerisches Gebühren an öffentlichen Orten und zumal in Sommerfrischen und Bädern Hervorrufen, sie würden ihre Eitelkeit, die nur das Gegentheil erreicht von dem, was sie anstrebt, gründlich bei Seite ihun. Einfachheit und Würde im Auftreten wird sehr viel zur Bekämpfung der gegen uns gerichteten Vorurtheile wirken. Freilich dürfen wir nicht an der Oberfläche bleiben. Wir müssen die Fehler, die fünfzehnhundertjährige Knechtschaft und Mißhandlung naturnothwendig unserer Stammesseele eingeprägt hat, möglichst abzuthun suchen. Eingedenk unserer gerade wegen ihres opfermuthigen Heldenthums so ruhmreichen Vergangenheit sollen wir uns nicht schämen, sondern Stolz fühlen nnd bethätigen, Israeliten zu sein. Dazu gehört aber auch das Bestreben, dem Judenthum Ehre zu machen, jede Handlung in Produktion und Verkehr zu vermeiden, die nicht den strengsten Anforderungen der Sittlichkeit und Rechtlichkeit entspräche. Hier giebt es bei vielen unserer Glaubensgenossen leider ein allzu' dehnbares Gewissen, ein Umstand, den die traurige Unterdrückung unseres Stammes hinreichend erklärt. Aber hier muß auch jeder Einzelne für sich und Alle, auf die er Einfluß üben kann, die bessernde Hand anlegen, ohne Schonung für sich und für andere.