Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Aus Tagebuchblättern
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 159 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen rührte sich nicht. Ich mußte auf die Bühne, den Abend schließen. Bubers Rede und die Aussprache mit ihm halfen uns, unseren eigenen Weg zu verstehen und zu finden. Auch in unserem Zionismus wußten wir jetzt einen Sinn, den uns die politir sehe Formel und Zielsetzung allein nicht hatte geben können. Ich fühlte das besonders klar, als ich fünf Wochen später bei Arthur Schnitzler in Wien war und ihm von unserem Standpunkt im Zionismus erzählte, über unsere Entwicklung und unsere Ziele. Er selbst, sagte er, habe seit Herzl kaum vom Zionismus gehört. Er hatte Verständnis für unsere Stellung, aber er persönlich könne sich nicht für Palästina entschließen. Seine Liebe zu unseren Nadelwäldern sei zu stark in ihm. Er erzählte, wie er Herzl als Studenten gekannt habe, daß ihm dann Herzl von Paris aus „Das Neue Ghetto" gesandt hätte. Nach seiner Rückkehr aus Paris gab Herzl ihm den „Judenstaat". Schnitzler wollte nicht mit, obzwar ihm Herzl in Aussicht stellte, daß er seine Premieren in Jerusalem gut aufgeführt bekommen werde. Schnitzler betonte, daß er, ohne religiös zu sein, sich als Jude fühle und die Bedeutung des Judentums verstehe. Er sei Gegner jeder bewußten Assimilation. Wenn ich Schnitzler mit Argumenten über den Sinn unseres Judentums antwortete, die anderer Art waren, als jene scherzhaften Herzls, so war es schon, das wußte ich, Frucht von Bubers Klärung und Deutung. Noch stärker fühlte ich das im Oktober 1909 in Wien bei Richard Beer- Hofmann. Auch er sprach von seiner Bekanntschaft mit Herzl, und wie er Herzl gegenüber einen vollständig jüdischen Standpunkt eingenommen habe, fern und fremd jeder Assimilation. Herzl hat auch ihm Premieren in Jerusalem in Aussicht gestellt, bei denen er, wie in Wien, in Smoking und Zylinder erscheinen könne. Er habe geantwortet „In Smoking und Zylinder würden Sie hingehen, ich aber trage einmal überhaupt keinen Zylinder, und in Palästina würde ich eine weiß seidene Tunika tragen". Herzl habe ihm gegenüber etwas Herablassendes, Protegierendes nicht vermeiden können; er habe, seiner Suggestivkraft bewußt, die Schönheit seiner Augen spielen lassen. Und als sie von Herzls Einfluß sprachen, habe Herzl gesagt: „Wo meinen Sie, daß ich meine Macht habe, als Redakteur der Presse oder als ,König der Juden?4 — Selbstverständlich als Redakteur der Presse, als ,König der Juden6 bin ich ärger als ein Schuhfetzen." Mir gab sich Beer-Hofmann mit seinem bewußten Judentum und Nationalismus jedenfalls als Gegner des diplomatischen Zionismus. Als ich ihm von unserer Einstellung erzählte, schien er sehr überrascht, denn auch er steht seit Herzl außer Verbindung mit der zionistischen Bewegung. Er machte aus seinem Interesse und seiner Sympathie keinen Hehl. „An meiner jetzigen Arbeit werden vielleicht auch die Zionisten Freude haben, besonders solche von Ihrer Richtung." Er erzählte, daß er einmal mit Herzl in einer zionistischen Versammlung war, in der ein Ostjude über die Wurzel des Zionismus sprach, „und da gefiel es mir außerordentlich, wie er sagte: Ich bin nicht Zionist aus Antisemitismus, ich bin Zionist aus Zionismus". „Ich sagte Herzl, als er mir den Judenstaat gab: Ich bin Zionist, weil ich nicht anders kann: Aus dem Inneren heraus, ohne Rücksicht darauf, ob mir Ihre Wege einleuchten oder nicht." Aus diesen Erinnerungen fanden wir zur Gegenwart zurück und 159