Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Aus Tagebuchblättern
Date
1928-01-01
Page
160 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110823--8410-3111027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Bemerkungen Beer-Hofmann sprach von Bubers Weg und Persönlichkeit fast mit derselben Wärme wie wir Barkochbaner. * * * Ende März 1910 war Martin Bub er in Wien und kam von dort zu uns nach Prag mit seiner Frau. Wir gingen mit ihnen über den Altstädter King und die Karlsbrücke auf den Hradschin. Als wir oben standen, leuchteten die Lichter in der dunklen Stadt und entlang der Moldau auf. Als wir zurückkamen, wartete man bereits im Vereinslokal des Bar Kochba. Buber eröffnete die Aussprache mit einer Fortsetzung des Gespräches, das wir auf dem Hradschin begonnen hatten; er sprach über den Sinn des Begriffs „Blut", über die spezifisch jüdischen Eigenschaften, die Lösung der persönlichen Judenfrage, unsere Beziehung zu Palästina, die Hoffnung auf eine große religiöse Erschütterung, die allein auch für die Westjuden eine Erneuerung bringen kann. Von einer Dame wurde er gefragt, ob er eine Methode der Selbstbefreiung anweisen könne. Er antwortete darauf nicht, aber auf die Frage, ob man im letzten Grunde wirklich Palästina als das einzige Mittel annehmen müsse, sagte er ein klares Ja. Am nächsten Tag hielt Buber im Jüdischen Rathaus den öffentlichen Vortrag über „Judentum und Menschheit". Rein und stark formte er die Antwort auf die Fragen, um die sich die Aussprache am Vortag gedreht hatte: Die Forderung der Einheit, geboren aus der eigenen Entzweiung und der Erlösung von ihr. Buber sprach diesmal viel sicherer, seine Stimme war besser und frischer als im vorigen Jahr, auch das weitere Publikum fühlte sich auf ihn eingestellt, war vollständig aufnahmefähig und unermüdet. Er sprach vielleicht fünfviertel Stunden mit außerordentlicher Wirkung. Alle waren bis zu seinem letzten Wort ganz gespannt. Kein Husten, kein Sesselrücken. Sein bedeutender Kopf über dem Rednerpult von einer imponierenden Gelassenheit, seine braunen Augen oft prophetisch glänzend und die Worte holte er rein und wie zum ersten Male benutzt aus einem ganz klaren und reichen Schatz von Bildern. Einige Male hob sich die Stimme zu größerer verkündender Kraft: Dann ging es durch alle wie ein bebender Strom. Als er endete, brach ein Beifall aus, der sich gern in besonderer Art ausgesprochen hätte, und es war, als ob sich gleichzeitig die Zuhörer scheuten, ihn durch Applaus zu bekunden. Lange dauerte es, bis die letzten Gäste den Saal verlassen hatten. Am Nachmittag gingen wir zusammen in die Altneuschul und auf den Jüdischen Friedhof. Dozent Isidor Pollak führte. Am Spätnachmittag gingen wir über die Karlsbriicke auf den Maltheserplatz über die Kampa und zurück. Buber sprach über jüdische Kunst, über Humor, über Jakob Wassermann, Ephraim Frisch, Gustav Landauer. Abends, im größeren Kreis, sprach Buber über die Mythen der Bibel. Am nächsten Vormittag wandelten wir wieder über die Moldau. Wir sprachen vom Verhalten Täuflingen gegenüber, von abgefallenen Zionisten. Das Gespräch kam von der Einheit der Kultur, wie sie starker Glaube und Religiosität hervorbringt, auf Einzelgebiete, vor allem Architektur. Architektonisch wie landschaftlich hält Buber Prag für eine der schönsten Städte. Frau Buber regte zu Vergleichen mit Italien an. 160

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.