Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Aus Tagebuchblättern
Date
1928-01-01
Page
158 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110823--8408-3111025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

BEMERKUNGEN UND DOKUMENTE Aus TagebucHblättern I. Erinnerungen an Bubers „Drei Reden" in Prag Im Herbst 1908 wählte mich Bar Kochba1) zum Obmann. Wir beschlossen, einen Festabend zu veranstalten, und er sollte darstellen, in welchem Sinn wir jungen Zionisten des Westens ins Judentum zurück wollten. Wir gingen vom Negativen aus. Wer sind die Abtrünnigen und warum grenzen wir uns gegen sie ab? Ich bat zuerst Felix Saiten um seine Mitwirkung. Er sagte zu; er wolle ungefähr ausführen, was eine gewisse Schicht der Juden, besonders die großstädtischen, vom Judentum entferne. Diese Schicht, dieses Milieu wolle er kritisieren. Daraus wurde dann das Thema „Der Abfall vom Judentum". Nun suchte ich das Positive und schrieb am 14. November an Martin Buber nach Berlin. Buber hatte damals lange Zeit geschwiegen. Ich schrieb Buber, daß wir um die Antwort auf unsere wichtigste Frage bemüht sind: Wie setzt sich bei den Westjuden gerade der Rest des jüdischen Wesens in Eigenes um? Ich erzählte ihm in diesem Brief von unserer Isolierung, im Westen, in Prag, zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen deutschen Juden und tschechischen Juden. Buber sagte herzlich und erfreut zu und aus unserem Briefwechsel entwickelte sich Titel und Inhalt seiner Rede: „Der Sinn des Judentums" . . . Buber war in der Nacht vor dem Festabend unerwartet und vorzeitig gekommen. Wir saßen zusammen im kleinen Kreise, und er sprach zu uns *) Prager zionistischer Hochschülerverein. zum erstenmal von seiner Stellung zum Judentum und zum Zionismus. Da wußten wir, daß er uns auf unserem Wege weiterhelfen werde. Der Festabend begann mit Felix Saltens Rede. Sie war glänzend und scharf. Als er nach seiner Rede in die Loge zurückkam, umarmte ihn Hugo Salus, der mir für den Festabend als Frucht unserer Gespräche „Das Lied des Blutes" gewidmet hatte, mit seiner letzten Strophe: Und der Sturm verweht, es lischt die Glut Und Leid wird Lust: Doch Blut bleibt Blut! Und ein Tropfen in mir und ein Tropfen in Dir Wissen: Brüder, Brüder sind wir, Brüder aus einem Dunkel . . . Ich hörte die Worte dieses Liedes, während ich mit Buber unterhalb der Bühne in einem kalten Kellerraum wartete. Er war sehr unruhig, denn er glaubte, nach Saiten den Kontakt mit unserem Publikum nicht finden zu können. Ich bat ihn, nicht ans Publikum zu denken, er solle nur für uns sprechen. Er versprach es und verabredete mit mir, ich möge ihm ein Zeichen geben, wenn er aufhören solle. Während er an einem Tischchen sitzend zu sprechen begann, war ich in die Loge gegangen. Nach zehn Minuten sah er fragend mich an. Ich gab ihm kein Zeichen, und so sprach er seine Rede zu Ende, ganz aus sich heraus, ganz zu uns gewandt. Er schloß mit der Sage von dem aussätzigen Bettler, der vor den Toren Roms sitzt und wartet. Als er heraufkam zu uns in die Loge, drückte ich ihm nur still die Hand. Die Rezitationen gingen weiter. Es war Mitternacht und das Publikum 158

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.