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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 151

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Eine religionssoziologische Linie
Date
1928-01-01
Page
151 (sequence 5)
Language
German
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Eine religionssoziologische Linie dische Religiosität diese Richtung ins Transzendente erhalten hatte, begannen sich seit der französischen Revolution, vielfach in einer geschichtlichen Plötzlichkeit, umzugestalten. Diese neue Zeit schuf für den Juden in den meisten Ländern einen Boden, auf dem er nun nicht mehr nur wohnte, sondern lebte; sie gab ihm eine persönliche Verbindung mit dem Lande und eine persönliche Eingliederung in die Gesamtheit seiner Menschen. Sein Daseinsplatz und sein Daseinsumkreis waren andere geworden. Das alte Geschick wurde Freiheit. Er konnte nun, wenn auch in ganz anderer Weise als ehedem, es empfinden, einen Diesseitsboden, eine Erez zu besitzen. So mußte der Olam, das Jenseitsgebiet, in dem er mit seiner Frömmigkeit bis dahin gelebt hatte, mehr und mehr zurücktreten und schließlich entschwinden, und für nicht wenige entschwand damit die Religiosität. Und für die, in denen sie vermöge der Traditionskraft blieb, gewinnt sie nunmehr weithin einen Diesseitscharakter, in einem ganz anderen Sinne allerdings, als er ehedem eigen gewesen war. Denn das Diesseits ist jetzt nicht mehr, wie einst, der Acker, der das Land und die Welt bedeutet; jetzt ist es das bürgerliche Lebensgebiet, dieses Gebiet des Kampfes um den Platz und auch des Kampfes um das Recht, der einen religiösen Ton gewinnen kann. Nur zu leicht wird die jüdische Religiosität jetzt dieser Sphäre, ihren Bedürfnissen, ihren Geboten, ihrer Weltanschauung angepaßt — eine bürgerliche Diesseitsreligion. Dazu kommt, daß aus dem Juden des Mittelalters zumeist auch wirtschaftlich ein anderer geworden war, aus dem Menschen der Enge, dem Kleinbürger, der Mensch der sich dehnenden Geräumigkeit, der Bourgeois. Und dieser wurde jetzt vielfach — wenigstens in Westeuropa — der Typus. Der Jude des Mittelalters war der Kleinbürger gewesen, aber in seiner Frömmigkeit war er in den Olam, in das Jenseits und seinen Himmel hinausgezogen; der jüdische Mensch von jetzt war der Bourgeois, der auf der Erde blieb. Jene Spannung zwischen der Gasse des Diesseits und dem Unendlichen des Jenseits, die den Juden einst weit über seine Daseinssphäre hinausgehoben hatte, fehlte jetzt, und auch die Spannung der Umwelt, die soziale Spannung, die des Gegensatzes zwischen den Gesellschaftsschichten, trat in die Gemeinde nicht ein- So konnte die Religion nur zu leicht, in ihrer liberalen wie in ihrer orthodoxen Richtung, eine Bourgeois-Religion werden, mit all ihrer Befriedigtheit und Problemlosigkeit, oft mehr ein häusliches Zubehör, als eine religiöse Kraft. Aber auch hier hat es sich erwiesen, daß die Energie, die der jüdischen Religion innewohnt, eine zu große ist, als daß sie in dieser Enge bleiben konnte. Der Drang aus ihr heraus mußte mehr 151

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