Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Eine religionssoziologische Linie
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 150 (sequence 4)
- Language
- German
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Leo Baeck ses Hinstreben zur Verästelung des Gedankens und zur Vervielfältigung der Übung, gehört in das Kleinbürgerliche hinein. Vieles, ja ein Wesentliches daran, ist zwar Ausdruck der inneren Logik, die zu immer weiteren Folgerungen notwendig hinleitet, und auch Ausdruck des eigentümlich jüdischen Zuges zum Zuendedenken und Zuendehandeln. Vieles ergab sich auch aus dem Gebote der Zeit, den Zaun um die Gemeinde zu errichten, aus diesem Erfordernis der Absonderung. Aber unverkennbar ist daran doch auch das Gepräge der kleinbürgerlichen Religiosität, die im Kleinen und Kleinsten eine Größe und Ganzheit bewähren will. Allein jener andere soziologische Faktor, der, welcher zum Transzendenten hinführen mußte, blieb doch der entscheidende und gestaltende. Er hat das Wesen dieser Frömmigkeit bestimmt. Denn die durch die Jahrhunderte gewordene religiöse Intensität war doch zu groß, als daß sie sich innerhalb der Grenzen der Gemeinde ihre Befriedigung hätte bereiten können. Sie suchte ihre Welt, in die sie hinausdringen, in der sie leben konnte, diese Welt, die sie in dem Gegebenen, Konkreten ihres engen Daseins nicht haben konnte. Da ihr die Erde, die Erez nicht gewährt war, wurde der Olam, das Kosmische ihr Gebiet. Hienieden, in der Judengasse, wohnte sie, und dort, im Olam, lebte sie. Der mittelalterliche Jude, der Mensch mit den kleinbürgerlichen Linien, der Mensch der Gemeinde, der „Kehilla", ist im Wesentlichen seiner Religiosität der kosmische Mensch, der Mensch des metaphysischen Ich. Eine kleinbürgerliche Natur, einer von der Art der Kleinen und Stillen im Lande ist er daher nicht geworden. Der eigenartige Reiz seines geistigen Antlitzes liegt in diesen scheinbar widerspruchsvollen Zügen. Auch der Charakter seiner Ethik zeigt sie auf. So sehr sie mannigfach das Gepräge einer Gemeindemoral, dieser Nachbarschaftsmoral mit ihrem Kleinen und Traulichen aufweist, so war doch die von altersher auch in ihr gesammelte innere Kraft zu stark, als daß sie darin ihr Genüge sich hätte bereiten können. Auch sie ist mit ihrem Wesentlichen im Olam, sie ist Unendlichkeitsethik, sie will kosmische Gründe und kosmische Wirkungen zu eigen haben. Es konnte desto mehr sich so gestalten, da der Jude des Mittelalters in gewissem Sinne staatsfrei war, der Staat ihn nur neben sich gestellt hatte. So war auch seine Moral nicht staatlich bestimmt, nicht an staatlichen Geltungen und Kompromissen orientiert; sie war nicht bloße bürgerliche und gesellschaftliche Moral, nicht diese Moral des Wohlverhaltens. Ihre Sphäre war bei all ihrem Kleinbürgerlichen die der Welt. Die Voraussetzungen und Umstände, aus denen heraus die jü- 150