Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Eine religionssoziologische Linie
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 149 (sequence 3)
- Language
- German
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Eine religionssoziologische Linie Bis dahin hatte sich der Himmel über der Welt gedehnt, in Erez und Himmel waren die Menschensphäre und die Gottessphäre umfaßt, die Erez voll der Herrlichkeit Gottes. Jetzt ist die Scheidung eine andere; über „diese Welt", den Olam haseh, erstreckt sich „jene Welt", der Olam haba. Während bis dahin die Linie, auf der die Gedanken hinauszogen, die von der Gegenwart des Landes zu seiner Zukunft, von den jetzigen Tagen des Bodens zu seinen kommenden war, ist es jetzt die von unten nach oben, von dieser Welt der Mangelhaftigkeit zu jener der Vollkommenheit. Das Transzendente tritt an den Platz des Erdgemäßen, das geistig Abstrakte an den des Konkreten, das Gedankliche an die Stelle des persönlich und räumlich Bestimmten. Wenn auch das Frühere vermöge seiner Eigengesetzlichkeit und der Traditionskraft, die allem religiös einmal Anerkannten innewohnt, weiterhin ein Dasein behält und oft in eine Spannung zu dem Neuen gelangt, so hat dieses Neue doch jetzt, aus den neuen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen hervor, deutlich und bestimmt seine wirksame Geschichte. Diese Bedingungen verstärkten sich noch, als nach und mit jener allmählichen Loslösung vom Acker das beginnende Mittelalter für den Juden schließlich auch die dauernde Scheidung vom alten Lande gebracht hatte und die Erez also für ihn ganz aufhörte, etwas Unmittelbares, Gegenwärtiges, in ihrem Dasein Erlebtes zu sein. Abgesehen von einzelnen glücklicheren Perioden, wohnt er nur noch in einem Lande, er ist in ihm ohne die persönliche Eingliederung in das große Ganze des Staates und seines Schicksals. Selbst die Stadt, in die er hineingedrängt wurde, bedeutete für ihn mehr und mehr nicht das lebendige Ganze; er war auch in bezug auf sie nur der Einwohner, in eine ihrer Gassen hineingeschlossen. Er war der Städter ohne die Stadt. Kein konkreter Boden war mehr da, und so mußte jener Zug, der zum Gedanklichen und Transzendenten hinführte, in der Religiosität noch mehr der bestimmende werden. Die mannigfache abstrakte Wissenschaft ist die Wirkung, die dann wieder mannigfach zur Ursache wird. Es scheint zwar ein entgegengesetzter Zug sich darzutun. In seinen Arbeits- und Lebensverhältnissen war der Jude zumeist der Kleinbürger geworden, dessen Welt die Begrenztheit ist, dieser Besitzende in der Enge, dieser Mensch der kleinen Konkretheit. Die Frömmigkeit zeigt denn auch kleinbürgerliche Linien. Sie ist eine Gemeindefrömmigkeit. Die Sphäre, welche einst der Acker und das Land gewesen waren, sind jetzt die Gemeinde, die Synagoge und das Lehrhaus; sie sind für die Menschen der Wanderung und der äußeren Unsicherheit das Beständige in dem Wechsel. Auch ein Teil dessen, was als Talmudismus und Ritualismus bezeichnet wird, die- 149