Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Eine religionssoziologische Linie
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck ziale Schichtungen schaffen, so ist doch das Daseins- und Darstellungsgebiet, zu dem sie gehören, das sowohl, von welchem sie fortgehen, wie das, in welches sie eindringen wollen, ein vorhandenes gesellschaftliches; sie stehen unter dieser Einwirkung im positiven wie im negativen Sinne. Und in noch weit höherem Maße trifft dieser Einfluß die Utopisten auch, in denen ja kein neues Prinzip erwacht, die nur über das langsame Daseiende hinausführen wollen, indem sie zu seinen eigenen fernen und fernsten Zielen hinweisen. Diese besondere Wirkung des bleibenden oder wechselnden sozialen Gefüges ist derart eine wesentliche Größe auch in der Geschichte des Judentums, nicht nur des jüdischen Volkes. Eine Wandlung auch im religiösen Denken brachte es z. B., als sich, schon auf dem Boden Palästinas, ein Übergang vom Ackerbau zu den vom Ackerbau losgelösten Berufen vollzog, als aus den alten Bauern Gewerbetreibende und Händler wurden. Die alte Frömmigkeit war mit dem Acker und dem Lande, zu dem er gehörte, verwachsen gewesen. Das Land war der Acker, und es war die Welt. Es ist bezeichnend, daß in der Sprache jener Tage dasselbe Wort „Erez" den Boden, das Land, die Erde und die Welt benennt. Nur über den Tag, nicht über das Land, über die Erde zieht hier die Sehnsucht hinaus. In dem Diesseits sind die Gedanken und Gebote verwurzelt. Nicht in eine Enge, sondern an den Boden, der ihr die Welt bedeutet, ist diese Frömmigkeit gebunden. Das, was als Partikularismus erscheint, ist in Wirklichkeit Erdkraft mit ihrem Erdgeruch. Als nun die historischen und sozialen Umschichtungen allmählich jenen Fortgang vom Acker bewirkten und die Daseins- und Gesellschaftsformen sich von dem festen Gebiete des Bodens schieden, löste sich damit auch die Religion von jener alten Erdbestimmtheit, von jener Diesseitigkeit. Der Begriff der Welt wurde nun trennbar und unabhängig vom Boden, der die Erde war; dieser war jetzt nur noch ein Bestandteil, ein Element derf Welt. Das alte Wort „Erez" konnte sie nun nicht mehr bezeichnen, und so wird denn jetzt der neue Name für die Welt gebildet, den das Wort „Olam" bietet, welches bis dahin nur die ersehnte und erhoffte weite unmeßbare Zeit, die Ewigkeit, benannt hatte. Über das Diesseits und seinen Bezirk, über die Erez, wird die Frömmigkeit in ihrem Denken hinausgeführt; der Olam wird ihr Gebiet, ihre Sphäre. Dem Jenseits darf das Suchen und Sehnen sich jetzt zuwenden. Der Messias, der bisher vor dem gläubigen Blicke als der kommende König gestanden hat, welcher das Land und sein Volk und die Völker ringsumher richtet, wird jetzt zum Weltenherrscher und Erlöser, der aus der Höhe herniedersteigen wird. 148