Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 146 (sequence 7)
- Language
- German
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Margarete Susman selbst andere, verwandelte Formen angenommen hat: an Einem Punkt, durch Einen schmalen Spalt strömt dennoch auch in unser Lehen der Sinn der Schöpfung, der Quell des Ursprungs, eine unmittelbare Beziehung zum lebendig gelebten Dasein ein: durch den schmalen Spalt der Entscheidung. Der Entscheidung für die Welt als göttliche Schöpfung, die eins ist mit der Welt als menschliche Verantwortung. Und nicht geschichtsentrückt ist diese Entscheidung; nicht abgeschwächt ist unsere Verantwortung. Gewinnt nicht vielmehr gerade in unserer Zeit der Allgebundenheit, der Allbestimmtheit des Einzelnen von tausend dunklen irdisch-unterirdischen Wirklichkeiten, Mächten und Sachbezügen das Wort Verantwortung einen neuen, unerhörten, bis zum Grauen vertieften Sinn? Wohl ist auch hier wieder der Zaddik durch die gewaltige Intensität und Wirklichkeitskraft seines Seins in die umgekehrte Haltung gerückt: seine Verantwortung wird aus einer belastenden zu einer offenbarenden. In dem reinen Wunder der Alliebe, als die die Verantwortung aller für alle in den heiligen Gestalten der Zaddikim lebt, ist wiederum die Welt durchsichtig geworden. Alle Zaddikim sind Menschen, denen durch ein Übermaß von hellsichtiger Liebe die Seelen der Menschen offenbar werden, durch die sie wie durch Glas hindurchschauen in die Zusammenhänge der Welt — bis sie zuletzt wie der wunderbare Narr Gottes, Rabbi Sußja, die fremde Schuld nicht mehr nur als verknüpft mit der eigenen, sondern unmittelbar als ihre eigene Schuld selbst erfahren und dadurch den Schuldbeladenen in die eigene Umkehr und Erlösung hineinreißen. Aus wie unendlicher Ferne wir uns solcher Liebe nahen, mit wie schwachen beladenen Fingern wir an den Saum ihres Wunders rühren — hier ist dennoch die höchste Steigerung, der wunderhafte Umschlag eines Lebens, das uns Heutige ganz und gar und im Allerletzten angeht, weil es uns Erlösung aus unserem Nichts durch uns selbst verheißt. Einzig in unbedingter Identität der Verantwortung, der Schuld und Sühne vermöchte das Nichts unserer Zeit sich selbst zu überwinden. Hier allein blitzt ein Weg, eine Hoffnung auf. Ob diese Identität von außen oder von innen realisiert zu werden vermag — eine Frage, die selbst aus der Liebesfremdheit unserer Welt stammt — selbst dies erscheint von hier aus gesehen als eine Frage zweiter Ordnung. Das Erste ist die Einsicht in die Identität, das Ergreifen ihrer als des tiefsten Sinnes, als des wahren Zieles einer von allen Seiten gewaltsamauf sie hin gedrängten Zeit. Daß es schwer und fast unmöglich ist, mit dieser Identität Ernst zu machen — doppelt schwer und unmöglich von dem Fehl unserer Zeit aus, beweist gerade das paradoxe Brennen, die 146