Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 147 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit letzte Dringlichkeit der Aufgabe. Antwort um Antwort schlägt uns aus ihrem Zwang als neue Frage entgegen. Die Antwort, die Martin Buber uns in der chassidischen Mystik gebracht hat, tönt, durch das Rauschen unseres Nichts verdeckt, unermeßlich fern wie ein im Weltraum ab gewandt von uns gesprochenes Gebet an unser Ohr. Aber jenes Eine Wort, das unmittelbar auf die Frage unserer Zeit auftrifft, wahrhaft zu vernehmen und ihr einzuverleiben, das, was sich in ihr dagegen wehrt, durch es selbst zu überwinden, ist die Aufgabe, vor die durch die chassidische Botschaft das Gewissen unserer Zeit gestellt ist. LEO BAECK OEtne reUgtonsfostoiogtfd)* %\xtit Auch über die entscheidenden Anfangszeiten hinaus, in denen der Kern eines Volkes noch in hohem Maße bildsam ist, wirken die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Formen und Gefüge auf den Weg des Denkens und Suchens, nicht zum mindesten des religiösen, ganz wesentlich ein. Zwar ist es die Geschichte jeder lebensstarken Idee, daß sie aus den Verhältnissen und Bedingungen, unter denen 3ie geschaffen und ausgestaltet worden ist, schließlich heraustritt; sie wird selbständig und gewinnt ihre Eigengesetzlichkeit und bedeutet dann eine dauernde, feste Einstellung gegenüber dem jeweiligen ökonomischen und sozialen Aufbau. Aber auch der Gedanke, der sein eigenes Dasein erlangt hat und in die Sphäre des Abstrakten eingetreten ist, steht doch nun nicht bloß im platonischen Jenseits, sondern er hat seine Geschichte auch dadurch, daß er sich mit einzelnen Menschen und Gruppen verbindet und durch sie lebendig wird. Und in all seinem Eigendasein wird so seine Ausdrucksform* und ganz ebenso seine Richtung durch soziale Kräfte mannigfacher Art bewirkt, durch dieselben Kräfte, die in dem Menschen, der ihn zu eigen gewonnen hatte, sich bezeugen. Ein Gleiches gilt selbst von dem Denken der revolutionären Persönlichkeiten, dieser Menschheitspersönlichkeiten, kraft deren ein Volkserlebnis zu einem Menschheitserlebnis werden kann, zu einer seelischen Erfahrung und Erkenntnis also, die von der besonderen Voraussetzung einer Zeit und eines Gebietes unabhängig wird. Wie sehr es ihnen eigentümlich ist, daß ihnen ihre Idee die ganz neue, die Offenbarung ist, wie sehr sie es darum vermögen, das Bestehende zu verwerfen und von ihm zu befreien und dadurch einen geistigen Erlösungsprozeß einzuleiten, wie sehr sie damit dann auch neue Gedanken- und Gesinnungsgemeinschaften und dadurch neue so- 10* 147