Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 145 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit der Aufklärung ebenso wie aus der abgelösten Talmud-Intellektualität, aus dem unerträglichen Druck der Verbannung, dem Halbtod des Ghetto ausbrechende Inbrunst der mitten in die lebendige Schöpfung hineinstürmenden Seele, daß es letzthin von uns, von unserer Entscheidung abhängt, ob wir in der Natur oder in der Schöpfung leben, das heißt, ob wir blind und getrieben leben, oder ob wir in Gottes Gesetz, unter seinem lebendigen Gebot und damit in allerpersönlichster Verantwortung stehen. Aber dies ist nun die Frage: Gilt solche Entscheidung auch für uns? Ist sie auch für uns unendlich weiter Abgetriebene noch möglich? Steht uns wirklich aus unserer geschichtlichen Verbannung derselbe Weg in den Ursprung und die Unmittelbarkeit der Schöpfung offen? Wir wissen und dürfen es nie vergessen: es ist Einer in unserer Zeit, der nicht annehmen kann; es ist unsere Leere, unsere Verzweiflung, unser Nichts selbst, das uns hindert, aus ihm auszubrechen, wiewohl es stürmend zu seiner Selbstaufhebung drängt. Und wir wissen ferner: alle Gesetze, die wir erkannten, haben als letzt begründende Schiffbruch gelitten. Unser ganzes Weltbild mit seinen ewigen überzeitlichen Ideen ist ins Wanken geraten. So sind auch wir nicht mehr dieselben. Wir leben im Chaos, und so sind wir Chaos geworden. Aber dies ist ja das ewige Wunder, das kein Bild ist und mehr als selbst ein Mythos: aus dem Chaos entsprang die Schöpfung. Und nur dahin dürfen wir heute blicken, woher Chaos Schöpfung wurde und immer wieder Schöpfung wird. Wie unermeßlich wir von dem Leben jener heiligen Menschen abgetrieben sind, die das Leben der Schöpfung unmittelbar lebendig mitleben, die vor dem Wunder jedes Sonnenaufgangs, jedes Erblühens und Vergehens bis in die Tiefe ihres Wesens erzittern, die sich selbst und den anderen in jedem Augenblick neu erschaffen fühlen, deren Herzschlag selbst ihnen das Wunder der lebendigen Schöpfung Gottes in jedem Augenblick erneut — wir wissen doch, daß hier — gerade hier — das lebendige All aufspringt, das dem Nichts unserer Zeit genau entgegensteht. Gewiß: nur stammelnd und verwirrt vermögen wir uns der Wirklichkeit der Schöpfung mit dem bloßen Gedanken zu nahen, während unser Leben selbst uns völlig von ihr abtrennt, wir in unseren steinernen Städten und auf allen Wegen unseres Verkehrs so völlig unter der Herrschaft und den Berechnungen des Menschenwissens leben und das Mysterium aus ihm verscheucht haben. Aber wie sehr wir durch all dies um uns her Gewachsene selbst verwandelt, durch die übermächtigen wirtschaftlichen Bedingungen als Menschheit und als Einzelne zerspalten und zerrissen sind — wie völlig eben dadurch unsere Verantwortung 10 Der Jude, Sonderheft Aft