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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
Date
1928-01-01
Page
144 (sequence 5)
Language
German
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Margarete Susman samten Welt als dem Exil der Schechina, der verbannten Gottesherrlichkeit, deren Funken verborgen in allen Dingen der Welt schlummern und durch uns, durch unser Erkennen und Tun daraus erlöst werden wollen. Leuchtet nicht hier in einem tiefsten Bild eine Beziehung auf das Ringen unserer Zeit bereits blitzartig auf? Das Suchen nach den heiligen Funken in allem Seienden — ist es nicht ein letztes Zu-Ende-Führen, Zu-Ende-Leben jenes drängenden Bestrebens, die Dinge in sich selbst, in ihrem tief verschütteten Sein und Sinn zu erfassen, durch jedes Ding und jedes Wesen hinabzusteigen in sein Sein und damit in das eigene Sein und das Sein der Welt? Freilich, in den ganz großen Gestalten des Chassidismus kehrt sich -diese phänomenologische Erfassung des Seins um. Von den Schülern des Baalschem erzählt Buber: „Denn sie wußten, daß alles, was er tat, seinen Sinn nahm aus dem heimlichen Geschehen der Welt." Nicht also der Meister dringt hinab in das Geheimnis der Welt — sondern ihr Geheimnis selbst steigt umgekehrt in seinem Wirken herauf in die Offenbarkeit. Hier scheint unserer unterbundenen Zeit jede Brücke zu fehlen; hier bleibt ihr nur die Ehrfurcht vor dem Mysterium. Dennoch: in dem Wunder dieser Umwendung offenbart, sich •dasselbe mystische Grundverhältnis des Menschen zum Leben, auf dem das Suchen nach den heiligen Funken in allem Seienden ruht. Das mystische Leben der Zaddikim im Geist der Dinge selbst, dies Emporheben alles Tuns aus dem Herzen der Welt, dies Ehren und Vollziehen des Wunders in allem Dasein, ruht auf derselben Grundvoraussetzung eines uns vorausgegebenen, uns überall umfangenden und begrenzenden Wirklichen, auf das wir zu lauschen, das wir zu vernehmen haben, wie es in der chassidischen Mystik als die Verantwortung aller für alle und alles im Weltgeschehen ins Bewußtsein tritt. So ist hier Mystik nicht ein freies sich Emporschwingen des Geistes aus der Natur zu einer Unio mystica mit einem weltlosen Gott, sondern ein mystisches Leben des Menschen innerhalb der lebendigen Schöpfung des wirklichen Gottes. Bloße Natur, seelenlose Materie gibt es für diese inmitten de3 18. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Aufklärung entsprungene Bewegung ebensowenig wie bloßen Geist. An Stelle der Welt der kalten abstrakten Naturgesetze steht hier die Welt der lebendigen göttlichen Gebote und der menschlichen Vollstreckung, in der der Mensch nicht unter der blinden Kausalität der Naturgesetze, sondern unter den menschlich-göttlichen Gesetzen von Schuld und Sühne, von Verwerfung und Gnade steht. So lehrt uns die große chassidische Bewegung, diese aus der kalten Welt 144

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