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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 143

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
Date
1928-01-01
Page
143 (sequence 4)
Language
German
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Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit und erlitten hat, hat ihr die Gestalt einer göttlich erfüllten Wirklichkeit entgegengetragen. Und zweifellos hat er einen Zusammenhang zwischen der Art unserer Verzweiflung — und zwar keineswegs allein der jüdischen, sondern der Verzweiflung unserer Welt überhaupt — und dem Heilsgedanken der chassidischen Mystik erblickt. Wie kann aber Mystik gerade Wirklichkeit geben? Ist denn nicht alle Mystik wirklichkeitsloses Geistwesen? Hat nicht in der Mystik sich alles angesiedelt, was auf rein geistigem Wege zu Gott strebt? Stürzt nicht in ihr der Geist wirklichkeitbefreit und wirklichkeitvergessend sich in Gott? Erlischt nicht in ihr das dunkle schwere Dasein vor dem Üb erglänz des reinen Seins? Wie kann dann Mystik, irgendeine Mystik auf die verzweifelte Wirklichkeitsfrage unseres Lebens Antwort sein? — Die chassidische Mystik kann es nur darum, weil sie nicht heidnische und nicht christliche Mystik — nicht geistige Erkenntnis- und Erinnerungsmystik ist; sondern weil sie jüdische Mystik ist: Mystik der Hoffnung, d. h. des ganzen lebendigen Lebens. Mystik der Hoffnung, die nicht wie die der Erinnerung das einmal geschehene Wunder in die Zeitlosigkeit ewiger Wiederholung im Geiste verlegt, sondern aus der das Wunder der Erlösung, das nie und nirgends geschehen ist, im lebendigen zeitlichen Leben als wirkliches erst gewirkt werden muß. Und eben darum Mystik der Entscheidung, der unbedingten Entscheidung des Einzelnen für das Mitwirken an der Erlösung, die einmündet in die Mystik der Tat. Eine Mystik der Tat — dies eigentümliche Paradox ist in keiner anderen als in jüdischer Mystik möglich. Denn nur sie hat als Voraussetzung die messianische Heilsidentität der Menschheit — eine Gewißheit, deren Evidenz uns Buber in seinem Geleitwort zu den eben erschienenen chassidischen Büchern in größter Schlichtheit für jede Zeit begründet. „Jeder Mensch", sagt er, „bestimmt mit seinem Sein und Tun das Schicksal der Welt in einem ihm und allen unkenntlichen Maße; denn die Ursächlichkeit, die wir wahrnehmen können, ist ja nur ein winziger Ausschnitt aus dem unausdenklich vielfältigen unsichtbaren Wirken aller auf alle." Wenn wir nur dies unzweifelhaft Wahre und Gewisse — nichts sonst vom menschlichen Leben wüßten und festhielten, so wäre damit doch zugleich die Urgewißheit klar, auf der die chassidische Lehre ruht: die Gewißheit der Verantwortung aller für alle im Weltgeschehen, in jeder Tat, in jedem Wort, ja in jedem Blick und jeder Bewegung, die in die Welt wirkt. Ihren tiefsten, über den Kreis des Menschlichen noch hinausführenden Ausdruck findet diese Gewißheit in der chassidischen Erfahrung der ge- 143

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