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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 142

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
Date
1928-01-01
Page
142 (sequence 3)
Language
German
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Margarete Susman Verzweiflung aber ist nichts anderes als in Wirklichkeit umgeschlagener, durch sich selbst ad absurdum geführter Zweifel. Sie ist der Ausdruck eines Zweifels, der an sich selber zu zweifeln gezwungen ist, weil die brennende Qual, in der er erlebt wird, ihn von der Wirklichkeit ihres Seins überführt. Denn Verzweiflung ist das Erlebnis der Qual als unbedingter Wirklichkeit. Dies ist der dunkle, bodenlose Grund, dies ist die schwarze Wirklichkeit unserer Welt. Hier rauscht ihre Frage durch die Zeit hindurch aus der Tiefe der Ewigkeit empor. Und weil auf eine solche Frage aus der Tiefe des Wirklichen selbst, die nicht mehr eine Frage des reinen Geistes, geschweige denn des bloßen Denkens ist, keine rein geistige Erschließung, kein bloßes Gedankensystem die Antwort sein kann — weil nur das Wirkliche auf die Frage der Wirklichkeit antwortet, darum ist die gesamte Fragestellung unserer Zeit gegen die einer jahrhundertelangen Vergangenheit entscheidend verändert. Wonach der heutige Mensch fragt, was er zu erkennen strebt, das sind nicht mehr die in sich selbst ruhenden Zusammenhänge seines geistigen Turmbaus; es sind wieder die schlichten Dinge der Wirklichkeit selbst; er strebt nicht wie das Denken von Generationen vor uns in das Geheimnis des Erkennens selbst einzudringen; er legt wieder sein Ohr an die lebendigen Dinge der Welt, um dem Herzschlag ihres Seins zu lauschen. Er schafft nichts um, glaubt nichts zu eizeugen; er versucht nur, das für uns so unendlich verdeckte, tausendfach verschüttete Sein der Dinge wieder aufzugraben, es neu zu entdecken. Die neue Wahrheitserkenntnis geht auf das Vernehmen dessen, was ist. Sie ruht auf der Ehrfurcht vor dem Seienden. Und indem der heutige Mensch wieder sein Ohr an das Herz der Dinge legt, vernimmt er durch alles andere hindurch zugleich wieder deutlich den Herzschlag des eigenen Lebens. Und weil er es in allem Leben pochen hört, so ist es dies, was er vor allem anderen und in allem anderen zu vernehmen und zu ergründen strebt: das eigene Sein, sich selbst, das Menschendasein und den Sinn des Daseins. So bewegt sich alles heutige Erkennen letzthin um das Nichts des Daseins, das aus seinem bodenlosen Abgrund empor zu dem Etwas einer neuen Wirklichkeit und Wahrheit strebt. Wo ist auf diese Frage Antwort — irgendeine Antwort? Wo neigt das Wirkliche sich dieser Wirklichkeit lebendiger Verzweiflung entgegen? Soviel ist gewiß: gerade weil es die Frage des Nichts ist, kann nur in der äußersten Entfernung von ihm die Antwort liegen: in einer ganz erfüllten, ganz erfüllenden Wirklichkeit. Martin Buber, der die Verzweiflung unserer Welt tief erkannt 142

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