Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 141 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Botschaft der ckassidischen Mystik an unsere Zeit die wesentlichen Geschehnisse unserer Welt vor sich; von hier aus bestimmt sich alles andere. Und je mehr sich unser mit Leidenschaft und Verbissenheit betriebenes äußeres Leben von der Peripherie her dem Inneren nähert, je angstvoller es um sein Sein, um seinen Sinn ringt, um so leerer und dunkler wird es. Das Außen hat noch den Schein der Fülle, weil es Betrieb ist; es hat noch eine gewisse Helligkeit und Ordnung. Nach innen zu weicht diese Art der Fülle zurück, hält die Scheinordnung und Festigkeit des Außen nicht stand. Es wächst die Unordnung, das Dunkel; es meldet sich der Zweifel, dieser erste verhüllte Bote des Sinnes. Und im Mittelpunkt, da wo sich aller Sinn, alle lebendige Entscheidung und redlichste Problematik unseres Daseins sammelt, steht die Verzweiflung. Die Verzweiflung ist das Leben der wahrhaft lebendigen, für ihre Zeit verantwortlichen heutigen Seele. Eine Verzweiflung, die letzten Endes daraus stammt, daß die ganze übermächtige, einer seelenlosen Materie aufgepfropfte Welt der Sachen und Sachbezüge, die uns umgibt und uns unablässig fordert, nicht die lebendige Schöpfung Gottes — sondern der scheinlebendige rasende Golem: die blind über ihn selbst hinwegstampfende Schöpfung des Menschen ist. Wie kommen wir Heutigen aber dazu, aus diesem Grunde zu verzweifeln? Haben nicht Jahrhunderte vor uns diese wachsende Schöpfung des Menschengeistes hingenommen, sich in sie eingesetzt, sie bejaht und verherrlicht? Haben nicht Generationen, von dem Rausch an der Schöpfung des Menschengeistes überwältigt, darüber die Schöpfung Gottes, die Frage nach dem lebendigen Gott und nach dem Heil des ganzen Menschen vergessen? Jene Zeiten, die noch nicht das wütende Hinwegstampfen des menschgeschaffenen Golems über alles Menschliche erlebt hatten, das uns gewaltsam aufgerüttelt hat, hatten noch die unumschränkte Ehrfurcht vor dem Menschengeist. Wir aber wissen, was jene in ihrem ungeheuren Übermut nicht mehr wußten: daß der menschliche Geist die Wirklichkeit nicht von sich aus schaffen, noch ihr gebieten kann, daß sie selbst allem Geist vorausliegt und ihn mitbestimmt. Und weil die Wirklichkeiten in jeder Gestalt in unserem Leben übermächtig geworden sind, weil uns die Wirklichkeit wieder zu dem geworden ist, von dem wir uns auf Schritt und Tritt bedingt und gefordert fühlen, weil wir im Unwirklichen gar nicht leben können, darum können wir auch in der bloßen Verneinung und im bloßen Zweifel nicht mehr leben — darum ist der Zweifel da, wo er in letztem, finsterstem Ernst sich zusammenballt, zur Verzweiflung geworden. 141