Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Botschaft der chassidischen Mystik an unsere Zeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 140 (sequence 1)
- Language
- German
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MARGARETE SUSMAN mit Botfdjaft Der d) äff tD tfcfcen jW^fttk an unfzvz Zeit „Wisse, immer ist Einer, der die Zeit befragt und Einer, der für die Zeit antwortet. Einer, der geben will und Einer, der nicht annehmen kann," heißt es in Bubers „Legende des Baalschem". Wer ist es, der unsere Zeit befragt und der nicht annehmen kann, was gegeben wird, und wer ist es, der für sie antwortet? Der die Zeit befragt, der nicht annehmen kann, ist immer derselbe, der den Weg der Wahrheit und der Erlösung hemmt: „der Herr der Nacht, der dazu eingesetzt ist, den Fehl der Zeit zu künden und zu vollziehen". — So wäre die Frage nach ihm die Frage nach dem Fehl unserer 2eit. Und diese Frage nach dem, was ihr fehlt und was sie verfehlt, muß wiederum eins sein mit der Frage nach ihrem Sein und ihrem Ziel — nach dem Lebenszentrum, das all ihren Einzeläußerungen Sinn und Wahrheit und lebendigen inneren Zusammenhang gibt. Und dies ist nun das wahrhaft Furchtbare und doch zugleich das einzig Fruchtbare unserer Zeit: im Suchen nach ihrem lebendigen beseelenden Mittelpunkt greifen wir unmittelbar in ihren Fehl selbst; denn wir greifen ins Leere — wir erkennen: da ist nichts, schlechterdings nichts. Aber diesem dunklen Nichts gegenüber bleibt uns noch, eine letzte Frage: Was für ein Nichts ist dieses? In welchem Etwas ist es gegründet? Was ist das Etwas unseres heutigen Lebens, dem es entspricht? Was ist sie, diese Welt mit all, ihren inneren und äußeren Erscheinungen, die ja voneinander völlig unabtrennbar sind? Was ist diese Welt der Vorherrschaft des Ökonomischen, der Industrie, der Maschine, der Autos und Flugzeuge, dieses ungeheuren Lärms und Gerases, dieser ganzen phantastischen Beherrschung von Zeit und Raum — was ist sie, gesehen auch in ihrer geistigen Selbsterfassung: als politische, ökonomische, soziale und selbst als wissenschaftliche und religiöse Welt? Was ist sie mit allem Zerfall ihrer Formen und all ihrem unsteten Suchen nach einem Neuen? Was ist sie in ihrem Kern? Schon an der Beschreibung dieser Welt, die die unsere ist, wird das Nichts ihres Kernes deutlich. Denn wir erkennen: diese Welt ist gar nicht von ihrem Zentrum, sondern nur von ihrer Peripherie her zu erschließen. Kein Eines lebendig gesehenes Inneres strahlt in jede ihrer Lebensäußerungen Sinn und Wahrheit aus. Sondern in der Peripherie spielt sich das für unser heutiges Leben Bedeutsame ab; sie ist es, die es bestimmt. Die Peripherie rein äußerer Werte ist das Maß- und Richtunggebende; hier gehen 140