Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 138 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerhard Scholem zug „zurechtgerückt" und wiederhergestellt werden kann. Die Dauer des menschlichen Daseins nun bestimmt sich nur in der Beziehung auf diese seine Aufgabe, und nicht von irgendwelchen anderen Ordnungen des Geistes und der Natur aus. Nicht jene kleineren Sinnabschnitte von Geburt und Tod, in denen sein Rhythmus verläuft, machen die Einheit eines Daseins aus, sondern diese ist allein in der Einheit seiner Aufgabe begründet: so hielt die lurjanische Lehre von der Seelen Wanderung doch an der Einmaligkeit und Unwiderruflichkeit des Daseins fest, die sie dem kargen Leben nicht zuzusprechen bereit war, und nahm so dem tiefsten Einwand gegen jene Lehre seinen Stachel. Kein Dasein dauert länger, aber keins auch kürzer als bis zur Erfüllung seiner Aufgabe. Und nur was auf sie Bezug hat, gehört der moralischen Welt an, ist in bezug auf Gut und Böse different. Der Begriff eines Vollzugs solcher Aufgabe nun ist, wie sich herausstellt, von tiefer und bedenklicher Zweideutigkeit. Erfüllt sich, so nämlich muß man ja fragen, solch Vollzug in punktueller Weise: Tat um Tat, Glied um Glied, oder nur in seiner Ganzheit? Ist, mit anderen Worten, die Rechenschaft, die wir für jene relevanten Taten schulden, noch bis zum Vollzug des Ganzen in der Schwebe und kann nur in ihrer Ganzheit abgegolten werden, oder aber erlischt an jedem Punkte dieses Vollzugs die Verpflichtung zur Rechenschaft für Handlungen, die auf schon restituierte Teile der Urgestalt sich beziehen? Diese für die Konstitution der moralischen Welt des lurjanischen Judentums so bedeutsame Frage ist der vorsabbatianischen Kabbala nicht zum Bewußtsein gekommen. Erst in Cardozo wird diese Dialektik im Vollzugsbegriff verhängnisvoll. Denn so zweifellos im Sinne einer ungebrochenen Intention nur die Ganzheit im Vollzug es sein kann, die die moralische Welt des Judentums stabilisiert und unantastbar macht, indem sie in einem erhabenen Bild der symbolischen Gewalt des Guten Dauer leiht, so sicher ergriff eine zerfallende Welt im Abgrund jener Fragestellung das Element der Zerstörung: in der Vereinzelung der Rechenschaft, in der Punktualität jenes Vollzugs, an dem im Sinn Cardozos der Mensch wie an einem Pensum arbeitet: Stück um Stück zerfiel der Felsgrund, auf den das moralische Bewußtsein des Judentums gegründet ist, in der sabbatianischen Bewegung zu Staub. Denn, so besagte diese Lehre, die Rechenschaft, die der Mensch zu geben hat, erstreckt sich immer auf einen Daseinsabschnitt zwischen Geburt und Tod (und sogar auf weniger). Hat er nun in einem solchen Abschnitt ein Gebot erfüllt und damit jenes entsprechende Glied seiner Wesensgestalt restituiert, so muß er vielleicht, weil er ein anderes Gebot noch nicht vollzogen, in 138