Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 137 (sequence 15)
- Language
- German
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Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos doch fundamentalen Bezirken geschah, die nicht wie jene symbolischen Zentra im Blickpunkt schon der elementarsten apologetischen Perspektive lagen, scheint nicht beachtet worden zu sein. Und doch hat gerade hier die unverstellte Katastrophalität der neuen Theologie sich im Umsturz der innersten Ordnungen des jüdischen Lebens ausgewirkt, <x>hne historisch sichtbaren Widerstand zu finden, bevor sie nicht auch die Fassade dieses Lebens in offener Revolte angriff. Schien ja die Physiognomie der Lebensordnung des Judentums von der Morallehre des Sabbatianismus, denn von ihr muß hier die Rede sein, nicht akut betroffen. Es war ja, wie dargelegt, der offene Antinomismus im Handeln des Messias auf dessen an der Grenze stehende Person eingeschränkt, im Innern jener Grenzen aber schien die Welt der Thora unangetastet. Und doch: in diesem stillsten aller dialektischen Prozesse, die je den Bestand der moralischen Welt gefährdeten, gründet das trauervolle Schauspiel des polnisch-mährischen Frankismus, in dem am Vorabend der Emanzipation die sabbatianische Bewegung zugrunde ging. Die Moraltheorie der späteren Kabbala, wie sie in den lurjanischen Schriften niedergelegt ist, vor allem im Sepher ha-gilgulim, dem Buch von den Wanderungen der Seele, läßt sich im Grunde recht einfach darstellen: Die Handlungen des Menschen sind als solche indifferent, weder gut noch böse. Moralische (und das heißt hier religiöse) Relevanz kommt ihnen nur da zu, wo sie in einen heteronomen Zusammenhang eintreten, der ihnen solche verleiht: in der Beziehung auf die Aufgabe des Menschen. Die Aufgabe des Menschen aber ist nichts anderes als die Wiederherstellung seiner geistigen Urgestalt, des Adam kadmon, ist die Aufhebung der Verwirrung in der inneren Ordnung der Welt, die mit dem Sündenfall und dem „Bruch der Gefäße", aus denen die Funken in alle Dinge stoben, eingetreten ist. Diese Aufgabe ist jedem Einzelnen gesetzt. Jede Seele trägt virtuell solche vom Makel der Welt ergriffene Urgestalt in sich, die sie in ihrem Dasein aufzurichten und zu reinigen hat. In den Handlungen nun, die die Thora fordert oder verbietet, wird jener Restitutionsprozeß des Adam kadmon in der Seele des Menschen vollzogen: wie nach einem alten mikrokosmischen Motiv des Talmud die 613 Gebote der Thora den 613 Gliedern des Menschen entsprechen, so richtet durch die Erfüllung der 613 Gebote, den Vollzug der Thora, der Mensch die tief geistige Gestalt seines Wesens in ihrer mystischen Aktualität wieder auf. Die lurjanische Kabbala ordnet hierbei jedem Gebot oder Verbot ein Glied des Adam kadmon zu, das nicht ohne die Verwirklichung jenes Gebotes, vielmehr nur in seinem Voll- 137