Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 139 (sequence 17)
- Language
- German
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Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos einen neuen Abschnitt seiner Wanderung treten, aber in diesem wird von ihm keine Rechenschaft mehr verlangt für Handlungen, deren Forderung er in früheren Abschnitten entsprochen. Mag er ihr jetzt entsprechen oder nicht, es bleibt gleich, seine Handlung hat keine Beziehung auf ihre Aufgabe mehr, seit sie erfüllt ist, und bleibt neutral. Freilich ist auch hier eine reale Sicherung angebracht, die das System verhindert, in akuten Antinomismus umzuschlagen: niemand nämlich kann, einer alten Lehre der Kabhala zufolge, wissen, in welchem Abschnitt seiner Wanderung er sich befindet. Dies Wissen, das nur in der tiefsten Initiation den großen Mystikern, die zu schweigen verstehen, im Bezirk der Physiognomik sich eröffnet, steht dem Menschen nicht an, und solch legitimes Unwissen sichert hier die Lebensordnung des Judentums. So bleibt die Fassade seiner Welt noch stehen, und doch — welch Taumel des Hasards gespenstert nun in ihren Räumen. Die Sicherheit des aus Gott Handelnden, die jene ungeheure moralische Substanz im Medium des Gesetzes schuf, ist durch das große Vielleicht ersetzt. Das Leben des Juden, seiner reinen Intention nach in den höchsten Ordnungen des Gerichts geführt, ist unversehens zum Spiel geworden: versuchen wir es immer mit der Tat, vielleicht trifft die nächste einen Zweck. Die Tat, die in solchem Spiele eingesetzt wird, ist verloren und der Gewinn, die Erlösung, eine Chimäre. Die Lehre der Offenbarung enthüllt sich nach dreitausend Jahren schaurig verwandelt als Theologie des Hasards, in der der Gerechte als glücklicher Spieler entlarvt wird. So wurde, noch bevor die Mächte der Weltgeschichte das Judentum im 19. Jahrhundert aufwühlten, seine Wirklichkeit von innen her mit Zerfall bedroht. Schon damals drohte die „Wirklichkeit der Hebräer", der Raum des Judentums, zu jener Chimäre zu werden, als die sie seitdem immer wieder in großen Augenblicken der jüdischen Geschichte zu zerfließen droht, dem unbereiten Pathos nicht anders als der unpathetischen Selbstversunkenheit des Geschwatzes. Die messianische Phraseologie des Zionismus, besonders in entscheidenden Momenten, ist nicht die geringste jener sabbatianischen Verführungen, die die Erneuerung des Judentums, die Stabilisierung seiner Welt aus ungebrochenem Sprachgeist, zum Scheitern bringen können. Denn so vergänglich in der Zeit, wie alle theologischen Konstruktionen, auch die Cardozos oder Jakob Franks gewesen sein mögen — der tiefste und zerstörendste Antrieb des Sabbatianismus: die Hybris des Juden ist geblieben. 139