Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 136 (sequence 14)
- Language
- German
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Gerhard Scholem nar hat je das Paradox im Schicksal des Erlösers in jüdischeren Begriffen zu entwickeln vermocht. War im Messias ben David, wie dargelegt, die Vollkommenheit der Ratio auf die Spitze getrieben, so ist es im Messias ben Ephrajim das Paradox des Ärgernisses. Cardozo bekämpft erbittert jene Anhänger Sabbatai Zewis in Saloniki, die zum Islam übertraten, weil sie in einem naiveren Geiste die Handlungen des Messias als beispielhaft betrachteten, und die dann in der Dönmeh-Sekte ein freiwilliges Marranentum als notwendigen Weg der Erlösung zu verwirklichen suchten. Wenn auch Cardozo und mit ihm der ganze jüdische Sabbatianismus gerade an jenen kritischen Punkten stehen, wo das Judentum Gefahr läuft, in den Flammen einer antinomistischen Explosion verzehrt zu werden, so hatten sie doch das genaue Gefühl der Grenzen. Gerade die prinzipielle Unmöglichkeit, ihm nachzufolgen, macht das Ärgernis, das Messias gibt, zum unwiederholbaren Vollzug der Erlösung — von nichts ist diese an den Grenzen des Judentums stehende Theologie aus marranischem Geiste weiter entfernt als vom Begriff einer imitatio Christi! — und rettet zugleich in diesem paradoxen Tatbestand den Fundus des Judentums, das sich freilich verzweifelt dagegen gewehrt hat, durch Konzeptionen gerettet zu werden, die in einem tieferen Bezirke es zu zersetzen und verwandeln drohten. Man darf den damaligen Ketzerbestreitern des Judentums, Jakob Sasportas und seinen Nachfolgern, das Zeugnis nicht verweigern, daß sie ein deutliches Bewußtsein dieser revolutionären Perspektiven eines im Judentum verbleibenden Sabbatianismus besaßen und deshalb — sie wollten ja keine Revolutionierung des Judentums — alles daran setzten, diese Bewegung aus dem Judentum, in dem sie mit allen Kräften sich zu halten suchte, hinauszudrängen. Cardozo, nicht die Sabbatianer in Saloniki, die den Turban nahmen, war, wie sie richtig sahen, die Gefahr. 4. Es waren die Lehren von Gott und dem Messias, an denen als den vorgeschobensten und sichtbarsten Posten eines Aufstandes im Herzen des Judentums der gebannte Blick der Polemiker haftete. Hier waren ja die kostbaren und heiligen Bezirke, die als die Schauplätze der großen Auseinandersetzung mit dem Christentum im jüdischen Bewußtsein gehütet und rein bewahrt werden mußten. So hat sich denn, als hier die Grenzzeichen zu verblassen drohten und falsche Signale in der Position des Judentums Verwirrung schufen, alle Kraft auf deren Reinigung und Wiederherstellung gerichtet. Was aber in solchen scheinbar entlegenen und 136